Spielen

engl. play, franz. jouer, ist sinnstiftende (→ Sinn) Tätigkeit ohne bewussten Zweck, die das → Individuum und die → Umwelt (Subjekt/Objekt) miteinander verbindet. Spielen gilt evolutionsbiologisch als wichtiges Nebenprodukt der fortschreitenden Hirnentwicklung. Durch ritualisierte (→ Rituale) Wiederholung und den Wechsel des Realitätsbezugs fördert Spielen die kognitive, emotionale und soziale Kompetenz- und → Identitätsentwicklung, → Problemlösestrategien, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Gemeinsames Spielen unterstützt das soziale Verhalten und die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten.


»Das Spiel des Kindes ist die infantile Form der menschlichen Fähigkeit, Modellsituationen zu schaffen, um darin Erfahrungen zu verarbeiten und die Realität durch Planung und Experiment zu beherrschen« (Erikson 1968, S. 216).


→ Kinder lernen beim Spielen, aber sie spielen nicht primär, um zu lernen. Innerhalb der kindlichen Entwicklung folgen unterschiedliche Spielformen aufeinander:


• sensomotorisches Spiel: Wiederholte Bewegungen folgen dem natürlichen Bewegungsdrang in den ersten beiden Lebensjahren.
• Explorationsspiel bezeichnet das Erkunden von Gegenständen (im Objektspiel wird Objektkonstanz erlernt).
• → Konstruktionsspiel ist das Aufeinanderbeziehen von Objekten und Herstellen von neuen Gegenständen.
• Symbolspiele beruhen darauf, Gegenstände und Handlungen umzudeuten und anders zu verwenden.
• → Rollenspiele erweitern den Egozentrismus des Kindes durch das Einnehmen verschiedener Perspektiven.
• Regelspiele sind durch das → Verstehen, Umsetzen und Gestalten von Regeln gekennzeichnet, die im Weiteren in Wettbewerbs- und Strategiespiele und später in sportlichen Wettkampf münden.


In → Beratung und → Therapie erfüllt Spielen folgende → Funktionen (Oerter 1999): → Informationserzeugung und Selbstkommunikation (→ Kommunikation). Spielhandlungen, funktional oder symbolisch, sind die Äußerungen des Kindes, die sich auf spielerische Weise zeigen. Das Spielen mit Materialien kann als Kommunikationsmedium stellvertretend für ein Gespräch mit anderen verstanden werden. So, wie sich das Kind im Spielen seine Welt formt, erzeugt es In-Formationen für den Beobachter oder die Beobachterin und formiert sich gleichzeitig in seiner Als-ob-Spiel-Welt und in seiner realen Welt. Szenische Spielerlebnisse fördern die wichtigen Verarbeitungs- und Entwicklungsformen von »Assimilation«, d. h. neuartige Wahrnehmungsinhalte mit bereits vorhandenen Wahrnehmungsschemata vergleichen, verbinden und zuordnen (assimilieren), und »Akkommodation«, d. h. vorhandene Wahrnehmungsschemata erweitern, anpassen und neue Wahrnehmungsschemata erschaffen (akkommodieren). Spielszenen, in denen das Kind im Probehandeln Zukunftsfantasien auslebt, oder das Gestalten von Zukunftsbildern sind lösungsfokussierte (→ Lösung, → Lösungsfokussierung) Bewältigungsstrategien. Im Spielen können Realität und Erlebnisse aktiv handelnd verarbeitet bzw. bewältigt werden. Im Nachspielen von Alltagserfahrungen wird ihre Bedeutung erfasst, und es werden unverstandene Eindrücke nachvollzogen, bewertet und integriert. Spielen ermöglicht, sich der erlebten Realität zu entziehen und eine eigene Realität in einer Fantasiewelt zu gestalten. Indem das Kind sich in anderen Rollen spielt, kann es die Anforderungen der Realität kompensieren, sich selbst erhöhen und sich am sicheren Ort des Spiels vor den Anforderungen des → Alltags schützen.


→ Systemisch lässt sich Spielen als bedürfnisregulierende → Selbstorganisation kognitiv-emotionaler Einheiten bezeichnen. Wird Verhalten als spielerisches Verhalten markiert, so erhält es eine andere Bedeutung. Über das So-tun-als-Ob entsteht eine zweifache Realität, die Lebensrealität und die Realität des Spiels.


»Schon kleine Kinder erhöhen den Reiz ihres Spiels dadurch, dass sie eine kleine Heimlichkeit daraus machen. Das ist etwas für uns, nicht für die anderen. Was die anderen da draußen tun, geht uns eine Zeit lang nichts an. In der Sphäre eines Spiels haben die Gesetze und Gebräuche des gewöhnlichen Lebens keine Geltung. Wir ›sind‹ und wir ›machen‹ es ›anders‹« (Huizinga 1956).


Schon Gregory Bateson bemerkte, dass Spielen große Ähnlichkeiten mit therapeutischen Prozessen aufweist (Bateson 1981). Sowohl im Spielen als auch in der Therapie wird eine eigene sinnstiftende Realität erzeugt, die innerhalb der Lebensrealität stattfindet und gleichzeitig eine zweite Realität herstellt. Spielen in der Systemischen Therapie bedeutet das verbale Spielen mit Ideen und Möglichkeiten. Mit → Umdeutungen und hypothetischen (→ Hypothetisieren), zirkulären und zukunftsorientierten Fragestellungen (→ Zirkuläres Fragen), wie z. B. der → Wunderfrage, werden kognitive So-tun-als-ob-Spiele angeregt. Im Setting mit dem Reflecting Team (→ Reflektierendes Team) werden verschiedene Beobachterperspektiven und Metaebenen spielerisch aufeinander bezogen und gewechselt. Symbol- und Aktionsspiele (Bleckwedel 2008) sowie das Spielen mit Tierfiguren als Systemelementen von → Genogrammarbeit und Strukturaufstellungen (→ Aufstellungen) sind weitere spielerische Elemente der Systemischen Therapie.


In der Diagnostik (→ Diagnose) bietet man unterschiedliche Materialien (Bausteine, Tiere, Puppen, Bilder) zum Spielen an, um therapierelevante Schlüsse aus spielbasierten Interviewtechniken und Spielbeobachtungen (→ Beobachtung) zu ziehen. In der Systemischen Therapie wird weniger die symbolisch-expressive Funktion des Spielens in einem nondirektiven Setting betont, wie z. B. in der nondirektiven Spieltherapie, als vielmehr das gezielte (→ Ziel) spielerische Gestalten neuer → Beziehungserfahrungen im familiären → Kontext (Retzlaff 2008). So wird mit Handpuppen themenspezifisch und direktiv gespielt, oder man nutzt therapeutische Spiele, um die persönlichen → Ressourcen von Klienten und Klientinnen zu identifizieren und zu aktivieren (Vogt 2004a; 2004b). Der Therapeut oder die Therapeutin bleibt kein Beobachter bzw. keine Beobachterin des Spielens, sondern ist direkt beteiligt.


Verwendete Literatur
Bateson, Gregory (1981): Ökologie des Geistes. Frankfurt a. M. (Suhrkamp). [am. Orig: (1972): Steps to an ecology of mind. New York (Chandler).]
Bleckwedel, Jan (2008): Systemische Therapie in Aktion. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).
Erikson, Erik H. (1968): Kindheit und Gesellschaft. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Gardner, Richard (2004): Psychotherapeutic use of the talking, feeling and doing game. New York (Childswork/Childsplay).
Huizinga, Johann (1956): Homo Ludens. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt), 21. Aufl. 2009.
Oerter, Rainer (1999): Psychologie des Spiels: Ein handlungstheoretischer Ansatz. Weinheim (Beltz).
Retzlaff, Rüdiger (2008): Spielräume – Lehrbuch der systemischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Stuttgart (Klett-Cotta).
Vogt, Manfred (2004a): Das Reden-Fühlen-Handeln-Spiel. Bremen (Manfred Vogt Spiele). [nach Richard Gardner (2004).]
Vogt, Manfred (2004b): Die Ich-Kann-HasenHühnerHunde. Bremen (Manfred Vogt Spiele).


Weiterführende Literatur
Goetze, Herbert (2002): Handbuch der personenzentrierten Spieltherapie. Göttingen (Hogrefe).
Mogel, Hans (2008): Psychologie des Kinderspiels. Heidelberg (Springer).
Scheuerl, Hans (1999): Das Spiel. Weinheim (Beltz).
Steiner, Therese u. Insoo Kim Berg (2005): Handbuch lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern. Heidelberg (Carl-Auer), 5. Aufl. 2011.
Vogt, Manfred (2007): Wenn Lösungen Gestalt annehmen. Dortmund (Borgmann).


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