Soziodrama

engl. sociodrama, franz. sociodrame m, von lat. socius = »der Gefährte« und griech. drama = »Handlung«; bezeichnet eine handlungsorientierte Methode zur Darstellung, Analyse und Veränderung der Wirklichkeit eines → Sozialsystems. Das Soziodrama geht, ebenso wie das → Psychodrama (→ Psyche), auf Jacob Levy Moreno (1889–1974) zurück. Für Moreno ist der Mensch ein konstitutiv soziales Wesen – psychische → Gesundheit ist eine → Funktion der Qualität der → Beziehungen, in die der Einzelne eingebunden ist (→ Soziales Atom). Da »nicht das Individuum, sondern das soziale Atom die kleinste Einheit« (Moreno 1981, S. 93; → Individuum) darstellt, schließt die Behandlung der Pathologien des Einzelnen letztlich immer die Behandlung der Pathologien des ihn umgebenden sozialen Systems ein. Diese von Moreno bereits in den 1930er-Jahren entwickelte Position macht ihn zu einem frühen Exponenten systemischen Denkens und Handelns. Entsprechend steht – anders als im verwandten Psychodrama – nicht der Einzelne im Mittelpunkt des Soziodramas, sondern die Strukturen und Dynamiken eines sozialen Systems. Diese werden, ähnlich wie bei der systemischen Aufstellungsarbeit (→ Aufstellungen), in ein szenisches Arrangement projiziert, das eine → Beobachtung 2. Ordnung ermöglicht. Im Unterschied zur Aufstellungsarbeit arbeitet das Soziodrama aber nicht mit Standbildern, sondern wie das Psychodrama mit bewegten Szenen und Entwicklungsszenarien. Aus systemischer Sicht ist das Soziodrama damit ein Pendant zur Aufstellungsarbeit, das sich anbietet, wenn es um die Betrachtung von Prozessverläufen über die → Zeit hinweg geht. Die Parallele ist nicht zufällig, da Aufstellungsarbeit und Soziodrama gemeinsame Wurzeln haben (vgl. → Psychodrama). Unter den verschiedenen Methoden zur Gestaltung eines Soziodramas kommt dem Stegreifspiel besondere Bedeutung zu.

Im deutschsprachigen → Raum bezeichnet der Begriff »Soziodrama« in der Regel die Simulation der Dynamik zwischen verschiedenen gesellschaftlich (→ Gesellschaft) relevanten → Rollen mit dem → Ziel, das Verständnis für diese Dynamiken und ihre Verflechtung mit dem Erleben und Handeln des Einzelnen zu verknüpfen. Diese von Josef Kramer und mir (2004) als »soziokulturelles Soziodrama« bezeichnete Arbeitsform wird beispielsweise in der interkulturellen (→ Kultur) Bildungsarbeit oder in der → Konfliktbearbeitung eingesetzt: Aus der Dynamik des Zusammenspiels verschiedener Rollen (z. B. Migrantin, Mitarbeiterin der Ausländerbehörde, Rechtsradikaler), so wie sie sich auf der Soziodramabühne zwischen den Teilnehmenden entfaltet, werden Erkenntnisse über die Dynamik abgeleitet, die möglicherweise auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zwischen diesen Rollen existiert – der Mikrokosmos der → Gruppe gilt als Spiegel des gesamtgesellschaftlichen Makrokosmos. Dass diese Annahme und die aus ihr abgeleiteten Schlüsse zumindest teilweise berechtigt sind, zeigt sich beispielsweise darin, dass es vielfach gelungen ist, mit soziodramatisch angelegten Rollenspielen politische Konflikte und Entscheidungen relativ präzise vorauszusagen (vgl. etwa Armstrong 2001). Das soziokulturelle Soziodrama versteht sich damit als Prozess der Sozialforschung (→ Forschung), gleichzeitig aber auch als Instrument der kritischen Reflexion über gesellschaftliche Zusammenhänge und Labor für soziale Veränderungen auf der Mikroebene.

Im angelsächsischen Sprachraum umfasst der Begriff »Soziodrama« neben dem soziokulturellen Soziodrama eine Vielzahl weiterer Varianten der szenischen Simulation sozialer Systeme (→ Sozialsystem), z. B. das gruppenzentrierte Soziodrama, das die Beziehungen innerhalb der Teilnehmergruppe thematisiert und sich in der Teamentwicklung, Teamsupervision (→ Supervision) oder → Familientherapie (→ Therapie) einsetzen lässt.

Das methodische Kernstück beider beschriebener Formen des Soziodramas ist das Stegreifspiel. Eine Möglichkeit für ein gruppenzentriertes Spiel ist ein Szenario (beispielsweise »Schiffbruch auf einer einsamen Insel«), innerhalb dessen sich die Gruppenmitglieder Rollen wählen. Nach einer Phase der individuellen Einstimmung auf die gewählte Rolle und einem Eingangsinterview entwickelt sich das Spiel in der freien → Interaktion der Teilnehmenden. Die Leitung kann durch Interviews und gezielte → Interventionen (z. B. Zeitraffer oder den Hinweis, dass auf der Insel ein Tiger gesichtet wurde) das Spiel strukturieren und die Dynamik verstärken. Im Anschluss an das Spiel berichten die Spieler und Spielerinnen, wie sie ihre Rolle und die Rolle der übrigen Teilnehmenden erlebt haben. In der Auswertungsphase wird gemeinsam untersucht, inwieweit im Stegreifspiel Interaktionsdynamiken, Rollenmuster, Gruppennormen, Konflikte, Koordinationsprobleme oder Verhaltensweisen der Einzelnen aufgetreten sind, die sich auch in der Realität wiederfinden.

Beim soziokulturellen Soziodrama werden im ersten Schritt die für das zu erforschende Thema relevanten Rollen zusammengetragen – bei einer Veranstaltung zum Thema Atommüll beispielsweise die verschiedenen politischen Parteien, Anwohner und Anwohnerinnen eines geplanten Endlagers, Umweltinitiativen, Polizei, Medien usw. Jeder Rolle wird ein fester Punkt im Raum zugeordnet. Da es hier nicht mehr um die Interaktion von Einzelpersonen in einer Gruppe, sondern um die Dynamik zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen geht, wird jede Rolle mit mindestens zwei Personen besetzt, damit eine Binnendynamik innerhalb der Gruppen entstehet. Je nach Arbeitskonzept, Teilnehmeranzahl und Erkenntnisinteresse kann eine Beobachtergruppe gebildet werden, die das Geschehen in und zwischen den Gruppen nach zuvor festgelegten Kriterien beobachtet. Auf diese Weise können soziokulturelle Soziodramen mit wenigen Personen ebenso inszeniert werden wie mit Großgruppen mit bis zu mehreren Hundert Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Auch hier bekommen die Teilnehmenden Zeit, sich in die Rolle einzustimmen, und werden von der Leitung kurz interviewt, bevor das Spiel beginnt und sich dann frei entwickeln kann. Eine wichtige Technik im soziokulturellen Soziodrama ist der kollektive Rollentausch: Die Spieler und Spielerinnen der CDU-Gruppe werden zu »Grünen«, die Anwohner zu Polizisten, die Medienvertreter zu Anwohnern usw. Der kollektive Rollentausch kann so lange wiederholt werden, bis jeder Spieler und jede Spielerin einmal in jeder Rolle agiert hat.

Die Leitung eines Soziodramas stellt hohe Anforderungen an den Leiter oder die Leiterin, der den Überblick über gleichzeitig an verschiedenen Orten stattfindende Entwicklungen behalten und durch das Spiel ausgelöste Emotionen (→ Gefühle) auffangen muss.

Verwendete Literatur
Ameln, Falko von u. Josef Kramer (2004): Soziodrama. In: dies. (Hrsg.): Psychodrama: Grund­lagen. Heidelberg (Springer), 3. Aufl. 2014, S. 81–95.
Armstrong, J. Scott (2001): A method to forecast decisions. In: ders. (ed.): Principles of Fore­casting: A handbook for researchers and practitioners. Boston (Kluwer), pp. 15–30.
Moreno, Jacob Levy (1981): Soziometrie als experimentelle Methode. Paderborn (Junfermann).

Weiterführende Literatur
Ameln, Falko von u. Josef Kramer (2007): Soziodrama. In: dies. (Hrsg.): Organisationen in Bewegung bringen. Berlin (Springer), 2. Aufl. 2016, S. 121–148.
Buckel, Christoph, Uwe Reineck u. Mirja Anderl (Hrsg.) (2021): Praxishandbuch Soziodrama: Theorie, Methoden, Anwendung. Weinheim (Beltz).
Kellermann, Peter F. (2007): Sociodrama and collective trauma. London (Kingsley).
Wiener, Ron (2001): Soziodrama praktisch. Soziale Kompetenz szenisch vermitteln. München (Inscenario).

Hinweis: Bei den Amazon-Links handelt es sich um Affiliate-Links. Wenn Sie darüber einen Einkauf tätigen, erhalten wir eine kleine Provision – für Sie bleibt der Preis gleich.