Prävention

engl. prevention f, franz. prévention f; bezeichnet eine bestimmte Perspektive, die einen Zusammenhang zwischen gegenwärtigen Maßnahmen und dem Nichtauftreten eines zukünftigen → Problems beobachtet. Als Frage formuliert: Wie kann mit gegenwärtigen Maßnahmen dem Auftreten eines zukünftigen Problems zuvorgekommen werden (lat. praevenire = »zuvorkommen«)? Ansatzpunkte der präventiven Maßnahmen sind Risikofaktoren, welche das Auftreten eines Problems wahrscheinlicher machen, und Schutzfaktoren, welche den Einfluss der Risikofaktoren einschränken. Durch die erfolgreiche Verminderung der Risikofaktoren respektive die Stärkung der Schutzfaktoren wird die statistische Wahrscheinlichkeit verringert, dass das zu verhindernde Problem auftritt. Prävention ist in der Regel in Hinblick auf das zu verhindernde Problem themenspezifisch; sie kann jedoch auch themenunspezifisch formuliert werden, wenn Faktoren (Risiko-/Schutzfaktoren) bearbeitet werden, die das Entstehen unterschiedlicher Probleme beeinflussen.

Aus systemischer (→ System) Perspektive (Hafen 2005) sind mehrere Aspekte des Präventionskonzeptes hervorzuheben. Zuerst bezieht sich Prävention auf sozial konstruierte Problemlagen. Phänomene wie Rauschtrinken, Jugendgewalt oder Depression sind sozial konstruierte Probleme, und die → Konstruktion dieser Probleme unterscheidet sich synchron und diachron, also in unterschiedlichen → Kulturen und in unterschiedlichen Zeitaltern. Die wichtigsten Konstruktionsinstanzen sind die → Funktionssysteme Massenmedien und Wissenschaft beziehungsweise die mit ihnen gekoppelten (→ Kopplung) → Organisationen (Medienunternehmen, → Forschungseinrichtungen). Das System der Politik stellt die für die Prävention notwendigen Geldmittel bereit und erlässt präventionsrelevante Gesetze, die mittels des Rechtssystems durchzusetzen sind. Selbstverständlich ist auch die Prävention eine Konstruktion. Sie ist wie alles Resultat einer spezifischen → Beobachtung, d. h. eine Bezeichnung im → Kontext einer Unterscheidung. Als primärer Referenzbegriff (als andere Seite der Unterscheidung) bietet sich der Begriff der Behandlung an. Während die Prävention bestrebt ist, zukünftige Probleme durch gegenwärtige Maßnahmen zu verhindern, hat die Behandlung ihren Ansatzpunkt bei gegenwärtigen Problemen (→ Krankheiten, → Gewalt, Unfälle etc.), deren Symptome sie zu beseitigen versucht. Ist Sym­ptombeseitigung ohne Aufrechterhaltung der behandelnden Maßnahmen (d. h. eine Heilung) nicht möglich, so kann sich die Behandlung auch darauf beschränken, eine Verschlimmerung der Krankheit zu verhindern. Das Beispiel zeigt, dass Prävention und Behandlung sich wechselseitig nicht ausschließen, sondern bedingen. So kann jeder Behandlung immer auch eine präventive Wirkung zugeschrieben werden, und auch die Prävention wirkt in dem → Sinne »behandelnd«, als sie Risikofaktoren und Schutzfaktorendefizite beseitigt. Zudem kann ein bestehendes Problem (z. B. eine Depression) gleichzeitig ein zentraler Risikofaktor in Hinblick auf ein anderes Pro­blem (hier: → Suizid) sein. Eine Depressionsbehandlung ist demnach gleichzeitig eine Suizidpräventionsmaßnahme. Das Schema (die Unterscheidung) Prävention/Behandlung kann demnach als sekundärer Binärcode von Funktionssystemen gesehen werden, die mit gesellschaftlich (→ Gesellschaft) nicht erwünschten Phänomenen zu tun haben – insbesondere das → Gesundheitssystem (binärer Code: »gesund/krank«), das Sozialhilfesystem (binärer Code »Hilfe/Nichthilfe« [→ Helfen] oder »Fall/Nichtfall«) oder das Rechtssystem (»Recht/Unrecht«). Mit Präventivmedizin, Kriminalprävention und andern Präventionsarten wird im Kontext dieser Systeme versucht, das Auftreten von Problemlagen (Krankheiten, Rechtsbrüchen, Sozialhilfefällen) zu verhindern, um so die Aufwendungen für die Behandlung zu reduzieren. Ein weiteres zentrales Schema für die Prävention ist die Unterscheidung von Risiko und Gefahr (Luhmann 1991). Dadurch, dass die Prävention aufzeigt, wie sich Individuen (→ Individuum) und → Sozialsysteme vor zukünftigen Gefahren schützen können, transformiert sie diese Gefahren in entscheidungsabhängige Risiken und setzt die → Zielsysteme damit dem Risiko von → Schuldzuweisungen aus, wenn man sich trotz besseren Wissens nicht schützt und das betreffende Problem dann auftritt.

Da die für die Prävention zentralen Risiko- und Schutzfaktoren auf allen Ebenen menschlicher Existenz (→ Psyche, → Körper, Soziales) sowie der organischen respektive physikalisch-materiellen → Umwelt vorkommen und die meisten Probleme von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst werden, hat sie es mit hoch komplexen (→ Komplexität), »systemischen« bio-psycho-öko-sozialen Verhältnissen zu tun. »Systemisch« sind die Verhältnisse nicht nur infolge der hyperkomplexen System-Umwelt-Verhältnisse, die sich daraus ergeben, sondern auch wegen der operativen Geschlossenheit der involvierten Systeme. Diese gewinnen ihrer Umwelt (zu der auch die Prävention gehören kann) zwar → Information ab (Fremdreferenz); sie tun dies aber nach ihrem eigenen Operationsprinzip. Ein direktes Eingreifen in die Operativität dieser Systeme ist schon darum nicht möglich, weil kein System jenseits seiner Grenzen operieren kann. Die Prävention ist demnach wie jede intervenierende Disziplin darauf beschränkt zu versuchen, zur relevanten Umwelt der Zielsysteme zu werden und ihre Maßnahmen so zu gestalten, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Reduktion der Risikofaktoren und eine Stärkung der Schutzfaktoren steigt.

Angesichts der systemischen Verhältnisse, mit denen sich die Prävention konfrontiert sieht, tut sie gut daran, im Hinblick auf ihre Wirkungsmöglichkeiten eine gewisse Bescheidenheit walten zu lassen. Andererseits gibt es wichtige Aspekte, welche die Wahrscheinlichkeit einer Präventionswirkung erhöhen (wobei die Wirkung letztlich immer Konstruktion eines Beobachters oder einer Beobachterin bleibt, der zahlreiche andere Einflüsse ausblenden muss). Ein zentraler Faktor ist das Wissen über den Einfluss der unterschiedlichen Risiko- und Schutzfaktoren auf das zu verhindernde Problem und über das Zusammenspiel dieser Faktoren. Unabdingbar sind weiter möglichst umfassende Kenntnisse über die zu beeinflussenden Systeme (Individuen, Organisationen, → Familien etc.) sowie eine Vielfalt von hinreichend reflektierten und evaluierten (→ Evaluation) methodischen Zugängen, welche auf die jeweiligen Problem-Einflussfaktoren-Konstellationen und die strukturellen Eigenheiten der Zielsysteme zugeschnitten sind.

Verwendete Literatur
Hafen, Martin (2005): Systemische Prävention. Grundlagen für eine Theorie präventiver Maßnahmen. Heidelberg (Carl-Auer).
Hafen, Martin (2007): Grundlagen der systemischen Prävention. Ein Theoriebuch für Lehre und Praxis. Heidelberg (Carl-Auer).
Luhmann, Niklas (1991): Soziologie des Risikos. Berlin/New York (de Gruyter).

Weiterführende Literatur
Fuchs, Peter (2008): Prävention – Zur Mythologie und Realität einer paradoxen Zuvorkommenheit. In: Irmhild Saake u. Werner Vogd (Hrsg.): Moderne Mythen der Medizin. Studien zur organisierten Krankenbehandlung. Wiesbaden (Springer VS), S. 363–378.
Hafen, Martin (2009): Mythologie der Gesundheit. Zur Integration von Salutogenese und Patho­genese. Heidelberg (Carl-Auer), 2. Aufl. 2009.
Hafen, Martin (2011): Gesundheitsförderung, Prävention und Nachhaltige Entwicklung – Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Eine systemtheoretische Analyse von drei Konzepten der Zukunftsbeeinflussung. Luzern (Interact).
Pelikan, Jürgen M. (2007): Gesundheitsförderung durch Organisationsentwicklung. Ein systemtheoretischer Lösungszugang. In: Bernd Roehrle (Hrsg.): Prävention und Gesundheitsförderung bei Kindern und Jugendlichen. Bd. 2. Tübingen (DGVT), S. 74–81.

Hinweis: Bei den Amazon-Links handelt es sich um Affiliate-Links. Wenn Sie darüber einen Einkauf tätigen, erhalten wir eine kleine Provision – für Sie bleibt der Preis gleich.