Individuation

engl. individuation, franz. individuation f, von lat. individuare = »sich unteilbar/untrennbar machen«, geht ursprünglich auf die analytische Psychologie C. G. Jungs zurück. Während Sigmund Freud vornehmlich die ätiologischen (kausalen) Aspekte des seelischen Geschehens betrachtete, fokussierte Jung auf die finalen Aspekte, die seelischen »Endabsichten« der Entwicklung in Hinsicht auf Integration und Ganzheit (i. e. lat. individuum = »unteilbar«). Der Begriff der Individuation meint damit ursprünglich den Prozess der Selbstwerdung: Man wird dasjenige Einzelwesen, welches den eigenen seelisch-unbewussten Strebungen und Tendenzen entspricht – »Werde, der du bist!« Zur gelungenen Individuation gehört auch bei Jung die Bezogenheit – gelingt es mir, auf das »Du« bezogen zu sein?

Wie das → Delegationskonzept ist der Begriff der Individuation innerhalb der systemtherapeutischen (→ System; → Therapie) Theorie in der mehrgenerationalen und familiendynamischen → Familientherapie verortet und weist deutliche Bezüge zur analytischen Psychologie und der Psychoanalyse auf (s. a. die Arbeiten von Margaret Mahler und Mitarbeitern). Zentral geht es um die Frage, wie es dem Individuum gelingt, seine ihm eigene Entwicklung, seine Strebungen und seine Bedürfnisse zu verfolgen; dies auf der Basis und sowohl in Verbundenheit mit als auch in Abgren­zung und Ablösung von seiner sozialen Matrix (Familie; → Gesellschaft). Konsequent aufgegriffen wurde dies im Modell der bezogenen Individuation von Helm Stierlin und der Heidelberger familientherapeutischen Gruppe. Die bezogene Individuation bezeichnet letztlich eine anthropologische Grunddimension (Archetyp i. S. Jungs); beginnend mit dem Säuglingsalter, balanciert der Mensch zwischen Angebundensein einerseits und seinen autonomen (→ Autonomie) Strebungen andererseits. Diese »Aufgabe« ist letztlich eine lebenslange: Wie kann ich – über wechselnde → Kontexte und Lebensphasen hinweg – »ich« werden und bleiben und dabei nährende Bindungen aufbauen und erhalten? Diese Aufgabe kann sowohl ge- als auch misslingen. Dies spiegelt sich in den Begriffen »Überindividuation« und »Unterindividuation« wider. Bei der Überindividuation sind die Grenzen der → Person gegenüber anderen zu fest oder zu starr, es fehlt an nährendem Austausch und an Bindung. Bei der Unterindividuation sind die Grenzen zu durchlässig bis hin zur Verschmelzungstendenz (vgl. Simon, Clement und Stierlin 1984, S. 143–145). Stierlin verortete das Konzept der bezogenen Individuation sowohl in einem wachstumsbezogenen als auch in einem explizit psychosomatischen (→ Psyche; → Körper) Zusammenhang (Stierlin 2000; vgl. auch Eder 2007, S. 234–236). Zur Voraussetzung für Wohlbefinden und seelische → Gesundheit gehören demzufolge das gelingende Ausbalancieren zwischen Abgrenzung und Austausch in Bezug auf andere, das konstruktive Organisieren innerer → Ambivalenzen und Spannungen, das Erleben eigener Selbstwirksamkeit (»Ich bin Autor meiner Geschichte, spüre mich als Kraftzentrum und Gestalter meines Le­bens«) und das Bewusstsein für die → Abhängigkeit von der sozialen Eingebundenheit und einem funktionierenden Körper. Letzteres schließt den Aspekt der Selbstfürsorge mit ein.

Das Konzept der (bezogenen) Individuation bietet eine breite Bereicherung sowohl für die Entwicklung von therapeutischen Betrachtungsweisen bei der Arbeit mit Problemstellungen als auch für daraus abgeleitete → Interventionen. In der klini­schen Praxis sind in dem Zusammenhang die Aspekte von mangelnder oder gestörter bezogener Individuation von Belang, beispielhaft in der Behandlung von Psychosen und Essstörungen. Treten diese Phänomene in der Adoleszenz (→ Jugendliche) auf, so kann das Thema der Ablösung von den Eltern (→ Elternschaft) ein relevanter Betrachtungsfokus sein. Damit bietet das Konzept eine Möglichkeit zur → Umdeutung eines Symptoms (→ Symptomträger) in einen verstehbaren familiendynamischen Zusammenhang. Beispielsweise kann dann das Symptom (etwa eine Ma­ger­sucht) als Ausdruck sowohl einer Aufrechterhaltung der Elternbindung als auch des → Auto­nomieaspektes verstanden werden: die → Krankheit »sichert« die elterliche Sorge und steht andererseits metaphorisch für die autonome Gestaltung dessen, was der/die Betroffene aufnimmt und was nicht. Für die Kinder- und Jugendlichenthe­rapie eröffnet sich somit allgemein die Option, »Störungen« und Symptome unter diesem Blickwinkel zu betrachten: Welche Individuations- und Bindungsthemen lassen sich um das Problem herum identifizieren? Für familiäre Systeme wurden pathologische Beschreibungskategorien entwickelt, die mit symptomatischen Aspekten einhergehen, wobei eher der Bereich der Unterindividuation untersucht wurde. Die mangelnden interindividuellen Grenzen in einer Familie werden dann z. B. als symbiotische → Beziehungsgestaltung, intersubjektive Fusion (Boszormenyi-Nagy) oder Ver­stri­ckung (Minuchin) bezeichnet. In einer leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft wie der unseren lassen sich zahlreiche Phänomene auch unter dem Blickwinkel der Überindividuation betrachten. Phänomene von sozialer Isolation (→ Exklusion) und → Einsamkeit sind im klinischen Setting häufig zu beobachten und in Zusammenhang mit Sym­ptom­bildungen zu bringen. Depressionen, Ängste und psychosomatische Reaktionen können durchaus auch in Zusammenhang gesehen werden mit der Überbetonung von »Selbstwert durch Leistung« und »Selbstfürsorge über Konsum« im Glaubenssystem von Patienten und Patientinnen. Somit eröffnet sich im psychotherapeutischen Rahmen die Option, mit Patienten zusammen zu schauen, inwieweit es ihnen über die Lebensspanne hinweg gelingt, die Aspekte Individuation und Bezogenheit mit dem Ziel einer positiven Selbstregulation zu ba­lancieren. Nicht zuletzt sind davon auch → Liebesbeziehungen und Partnerschaften (→ Paar) berührt, sodass dem Individuationskonzept auch in der Paartherapie eine bedeutsame Rolle zukommt.

Verwendete Literatur
Dornes, Martin (2008): Individuation. In: Wolfgang Mertens u. Bruno Waldvogel (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart (Kohlhammer).
Eder, Lothar (2007): Psyche, Soma und Familie. Theorie und Praxis einer systemischen Psychosomatik. Stuttgart (Kohlhammer).
Simon, Fritz B., Ulrich Clement u. Helm Stierlin (1984): Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. Stuttgart (Klett-Cotta), 5., erw. Aufl. 1999.
Stein, Murray B. (2009): C. G. Jungs Landkarte der Seele. Düsseldorf (Patmos).
Stierlin, Helm (1989): Individuation und Familie. Studien zur Theorie und therapeutischen Praxis. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Stierlin, Helm (2000): Wohlbefinden und Selbstregulation. Überlegungen zu einer systemischen Sozio-Psycho-Somatik. Familiendynamik 25: 293–317.

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