engl. resource, franz. ressource f, lat. resurgere = »wieder erwachen, sich wieder erheben«; Ressourcen sind Mittel, Kraftquellen, die es ermöglichen, eine Handlung zu tätigen oder einen Vorgang ablaufen zu lassen. Ressourcen werden kategorisiert als individuelle ([→ Individuum] psychische und körperliche [→ Psyche; → Körper]), soziale (→ Familie, Freunde → Gruppe, Nachbarschaft, → Beziehung zum Therapeuten oder zur Therapeutin, zur Berufskollegin; → Sozialsystem), materielle (Wohnsituation, Geld, Auto) und infrastrukturelle Ressourcen (→ Kindertagesstätte im Stadtteil, → Schule, Jugendzentrum, erreichbare bzw. aufsuchend arbeitende soziale Dienste, Schwimmbad, Polizeistation). Spezifische Hilfeformate (Psychotherapie, → Beratung, → Coaching, Soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit, → Therapie, → Helfen) verführen gelegentlich dazu, bestimmte Ressourcenkategorien stärker in den Blick zu nehmen als andere. Das biopsychosoziale Grundmodell des systemischen (→ System) Ansatzes (Engel 1977), das in berufsgruppen- und arbeitsfeldübergreifenden systemischen Weiterbildungsprozessen eingeübt wird, ist nützlich dafür, einer Verengung des Ressourcenblicks von Beraterinnen, Therapeuten, Teamentwicklerinnen (→ Teamarbeit), Coachs und Sozialarbeiterinnen entgegenzuwirken, damit sie nicht nur auf soziale, infrastrukturelle, materielle oder psychische Ressourcendimensionen schauen. Ressourcen gibt es nicht an sich. Ein Gedanke, → Gefühl, Handlungsimpuls, ein Gegenstand, eine Beziehung wird zu einer Ressource im Rahmen einer zielgerichteten Handlung, wenn das zugrunde liegende Potenzial (Willutzki 2003, S. 94) durch Klienten und Klientinnen wahrgenommen, aktiviert, als zieldienlich bewertet und kompetent und wirkungsvoll genutzt wird. Dabei spielen Bewertungsprozesse durch das Klientensystem, was als »zieldienliche Lösungsressource« (Schmidt 2004) Bedeutung zugeschrieben bekommt, eine zentrale Rolle. Der Klient oder die Klientin ist in einem kundenorientierten systemischen Dienstleistungsprozess (Schweitzer 1995) der Experte bzw. die Expertin für sein Leben und sein Veränderungshandeln (Duncan und Miller 2004). Die Aufgabe psychosozialer Helfer und Helferinnen ist es, mit ihren jeweiligen Möglichkeiten Klienten und Klientinnen anzuregen, in einem gemeinsamen Such- und Findeprozess im Klientensystem schon vorhandene zieldienliche Ressourcen für → Lösungen zu finden (Ressourcenaktivierung) sowie für die Lösung notwendige weitere Ressourcen hypothetisch zu erfinden (Ressourcenerweiterung). Gerade bei ressourcenarmen Familien (Nestmann 2004) sind darüber hinaus oft die Bereitstellung weiterer Ressourcen (z. B. Vermittlung einer Tagesgruppe für Kinder) notwendig.
Der Ressourcendiskurs ist nicht neu. In der Sozialen Arbeit und in der Gemeindepsychologie sind → Empowerment-Strategien mit dem → Ziel, dass Einzelne und soziale Gruppen ihr Leben wieder stärker selbst in die Hand nehmen können, seit Langem verbreitet (Keupp 2003). Im Bereich Systemischer Therapie und Beratung gehört ressourcenorientiertes Arbeiten spätestens seit den 1980er-Jahren, zusammen mit Konzepten der Salutogenese (Antonovsky 1993) und der Resilienz (Welter-Enderlin u. Hildenbrand 2006), zum Kernbereich des professionellen Selbstverständnisses (Sydow, Beher, Retzlaff, Schweitzer 2006). Ausgelöst durch das ericksonsche und systemische Konzept der ressourcen- und lösungsorientierten Kurztherapie (de Shazer 1989) breiten sich die zentralen ressourcenorientierten Annahmen dieses Modells in vielen weiteren Feldern der psychosozialen Arbeit seit den 1980er-Jahren unaufhaltsam aus und lösen einen stark an Defiziten und Problemen orientierten Diskurs in Psychotherapie, Beratung, Coaching etc. immer mehr ab (Hahn 1996). Der Psychotherapieforscher Klaus Grawe (1998) hat die → Evidenz dieser Annahmen in seinem schulenübergreifenden Modell wesentlicher Wirkfaktoren für therapeutische Veränderungsprozesse, zu denen der Wirkfaktor der Ressourcenaktivierung zentral gehört, bestätigt. Auch die Hirnforschung (→ Forschung) (Grawe 2004) belegt die Bedeutsamkeit des Aufbaus neuer neuronaler → Netzwerke und die Aktivierung dazu hilfreicher und zieldienlicher Ressourcen für positive Veränderungsprozesse.
Dabei erweisen sich die Basisannahmen von Milton Erickson, dem Pionier ressourcenorientierten Arbeitens im Bereich der Kurztherapie (Zeig 2005) und die daraus abgeleiteten Basisannahmen des lösungsorientierten Ansatzes (Berg u. Jong 1998; → Lösungsfokussierung) als äußerst brauchbar für viele weitere Anwendungsfelder über die Kurztherapie hinaus. Der → Utilisationsansatz (Nutzbarmachen von Klientenressourcen) von Erickson betont nach Zeig (2005) das Herausfinden von im Problemkontext (→ Kontext) dissoziierten (abgespaltenen) Ressourcen, die Berücksichtigung des Wertesystems der Klienten und Klientinnen sowie die Nutzbarmachung (Utilisation) jedes Verhaltens des Klienten bzw. der Klientin, selbst von Einwänden, Problemen (vgl. dazu Schmidt 2004, S. 89–132) und schwierigen Kontexten für die Veränderung. Berg und Jong (1998) weisen im Zusammenhang mit den durchgehend ressourcenorientierten Grundannahmen des lösungsorientierten Modells darauf hin, dass jede → Person (jedes soziale System) trotz aller Lebensbelastungen Stärken aufweist, auf denen der Prozess lösungsorientierten Arbeitens aufbaut (Stärken stärken). Dies erhöht die Veränderungsmotivation, den Respekt vor den Lebensleistungen der Klienten und Klientinnen und fördert an sich schon positive Veränderungsprozesse. Konsequente Ressourcenorientierung stärkt das Selbstwertgefühl der Klienten und Klientinnen, fördert Hoffnung auf positive Veränderung und erleichtert psychosozialen Helfern und Helferinnen den Zugang selbst in schwierigen Handlungskontexten (Schmidt 2004). Eine solche Orientierung erleichtert den Beratungsalltag nicht zuletzt auch für die psychosozialen Helfer und Helferinnen selbst. Berater und Beraterinnen sowie Therapeuten und Therapeutinnen benötigen ein ressourcenorientiertes Selbstmanagement (→ Management), um in den oft belastenden beruflichen Kontexten leicht und wirkungsvoll arbeiten zu können (Fischer-Epe u. Epe 2007).
Dabei muss ressourcenorientiertes Arbeiten nicht »problemphobisch« sein. Wenn man Ressourcenbereiche für Lösungen und Störungsbereiche/Probleme als voneinander unabhängige Dimensionen betrachtet (Willutzki 2003), ist eine kontrastierende systemische Interviewführung, in der Lösungsansätze verglichen werden mit Wegen in die alten Sackgassen, oft sehr sinnvoll. Ein oberflächliches »positives Denken« sollte vermieden werden. In vielen Praxisbereichen, z. B. in der Jugendhilfe, ist die Exploration von Risiken und Gefährdungen neben der ressourcenorientierten Perspektive notwendig (Klemenz 2003; zur Arbeit mit einem selbstmordgefährdeten Jugendlichen vgl. Insoo Kim Berg 2008).
Zentrale Überzeugungen und Glaubenshaltungen von Menschen wie etwa Dankbarkeit dem Leben gegenüber, Glaube an die eigenen Kräfte (Selbstwirksamkeitserwartung), eine realitätsnahe optimistische Grundhaltung, → Achtsamkeit im Umgang mit sich und anderen (Weiss, Harrer u. Dietz 2010; Hahn 2010) erweisen sich dabei als ressourcenerschließende Metaressourcen. Sie sind, wie die Forschungsergebnisse der positiven Psychologie (Seligmann 2011) und Effekte von Schulungsmaßnahmen in systemischen und anderen Curricula zeigen, modellierbar und trainierbar. Hoffnung auf Veränderung ist eine Selffulfilling Prophecy (Paul Watzlawick) im besten Sinne.
Verwendete Literatur
Antonovsky, Aaron (1993): Gesundheitsforschung vs. Krankheitsforschung. In: Alexa Franke u. Michael Broda (Hrsg.): Psychosomatische Gesundheit. Tübingen (DGVT), S. 3–14.
Berg, Insoo Kim (2008): Interview mit einem jungen Mann. In: Steve de Shazer u. Yvonne Dolan (Hrsg.): Mehr als ein Wunder. Lösungsfokussierte Kurztherapie heute. Heidelberg (Carl-Auer), 2. Aufl. 2011.
De Jong, Peter u. Insoo Kim Berg (1998): Lösungen (er)finden. Das Werkstattbuch der lösungsorientierten Kurztherapie. Dortmund (Modernes Lernen). 5., verb. u. erw. Aufl. 2003.
De Shazer, Steve (1989): Wege der erfolgreichen Kurztherapie. Stuttgart (Klett-Cotta).
De Shazer, Steve u. Yvonne Dolan (2008): Mehr als ein Wunder. Lösungsfokussierte Kurztherapie heute. Heidelberg (Carl-Auer), 2. Aufl. 2011.
Duncan, Barry u. Scott Miller (2003): Die Veränderungstheorie des Klienten: Den Klienten im integrativen Prozess beratend um Rat fragen. In: Heike Schemmel u. Johannes Schaller (Hrsg.): Ressourcen. Tübingen (DGVT), S. 123–146.
Engel, George (1977): The need for a new model: A challenge for biomedicine. Science 196: 129–137.
Fischer-Epe, Maren u. Claus Epe (2007): Selbstcoaching: Hintergrundwissen, Anregungen und Übungen zur persönlichen Entwicklung. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt).
Grawe, Klaus (1998): Psychologische Psychotherapie. Göttingen (Hogrefe).
Grawe, Klaus (2004): Neuropsychotherapie. Göttingen (Hogrefe).
Hahn, Kurt (1996): Vom Defizit- zum Ressourcenmodell. Lösungsorientierte Ansätze in der Erziehungsberatung. In: Klaus Menne, Hubert Cremer u. Andreas Hundsalz (Hrsg.): Jahrbuch der Erziehungsberatung, Bd. 2. Weinheim/München ((Beltz Juventa), S. 117–133.
Hahn, Kurt (2010): Sehnsuchtsziel Gelassenheit. Achtsamkeitsbasierte systemische Konzepte für Praxis und Psychohygiene systemischer Coachs, TherapeutInnen und BeraterInnen. (Handout zum Workshop auf der 10. Wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF, Heidelberg).
Keupp, Heiner (2003): Ressourcen als gesellschaftlich ungleich verteiltes Handlungspotential. In: Heike Schemmel u. Johannes Schaller (Hrsg.): Ressourcen. Tübingen (DGVT),
S. 555–574.
Klemenz, Bodo (2003): Ressourcenorientierte Diagnostik und Intervention bei Kindern und Jugendlichen. Tübingen (DGVT).
Nestmann, Frank (2004): Ressourcenorientierte Beratung. In: Frank Nestmann, Frank Engel u. Ursula Sickendiek (Hrsg.): Handbuch der Beratung. Bd. 2: Ansätze, Methoden und Felder. Tübingen (DGVT), S. 725–736.
Schmidt, Gunther (2004): Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten. Heidelberg (Carl-Auer), 4. Aufl. 2012.
Schweitzer, Jochen (1995): Kundenorientierung als systemische Dienstleistungsphilosophie. Familiendynamik 20 (3): 292–313.
Seligmann, Martin (2011): Eine Theorie des Wohlbefindens. München (Kösel).
Sydow, Kirsten von, Stefan Beher, Rüdiger Retzlaff, u. Jochen Schweitzer (2006): Die Wirksamkeit der Systemischen Therapie/Familientherapie. Göttingen (Hogrefe).
Weiss, Halko, Michael Harrer u. Thomas Dietz (2010): Das Achtsamkeitsbuch. Stuttgart (Klett-Cotta).
Welter-Enderlin, Rosmarie u. Bruno Hildenbrand (Hrsg.) (2006): Resilienz – Gedeihen trotz widriger Umstände. Heidelberg (Carl-Auer), 3. Aufl. 2010.
Willutzki, Ulrike (2003): Ressourcen: Einige Bemerkungen zur Begriffsklärung. In: Heike Schemmel u. Johannes Schaller (Hrsg.): Ressourcen. Tübingen (DGVT), S. 91–108.
Zeig, Jeffrey (2005): Einzelunterricht bei Erickson. Hypnotherapeutische Lektionen bei Milton H. Erickson. Heidelberg (Carl-Auer), 3. Aufl. 2009.
Weiterführende Literatur
Schemmel, Heike u. Johannes Schaller (2003): Ressourcen. Tübingen (DGVT).
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