Abhängigkeit (stoffl.)

engl. addiction, franz. dépendance f, von lat. dependere = »abhängig sein«; bezeichnet eine Störung, die nach wiederholter Einnahme psychotroper Substanzen eintreten kann. Sie ist durch einen unabweisbaren Wunsch nach einem bestimmten Erlebniszustand gekennzeichnet. Eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums wird berichtet. Weitere Kennzeichen sind Toleranzentwicklungen und in manchen Fällen körperliche (→ Körper) Entzugssyndrome. Diese treten bei Konsumbeendigung bzw. bei Reduktion der Menge der konsumierten Substanz auf. Ein Umstieg auf Ersatzstoffe zur Vermeidung der Entzugssymptome ist möglich. Im Verlauf einer abhängigen Entwicklung werden andere Interessen zugunsten des Substanzgebrauchs vernachlässigt. Die Einnahme des Suchtmittels wird trotz nachweislich schädlicher körperlicher, psychischer und sozialer Folgen aufrechterhalten. Der Begriff Abhängigkeit bezeichnet eine sich selbst organisierende Dynamik (→ Selbstorganisation), die sich aus einem spezifischen Zusammenspiel zwischen dem psychischen (→ Psyche), dem biologischen und dem → Sozialsystem ergibt. Die drei Systeme werden jeweils als autonom (→ Autonomie) operierend und über strukturelle → Kopplungen miteinander verbunden begriffen.

Das Zusammenspiel lässt sich folgendermaßen beschreiben: Für die Operationen des psychischen Systems wird ein dynamisches kognitiv-affektives Konstrukt unterstellt, das individuell (→ Individuum) unterschiedliche Erfahrungen körperlicher, psychischer und/oder sozialer Art als negativen Stress erleben lässt. Er wird durch Einnahme bewusstseinsverändernder Substanzen subjektiv abgemildert bzw. gelöst. Diese Form der Selbstmedikation führt nach einer gewissen → Zeitspanne im biologischen System zu Toleranzentwicklungen und zu Nebenwirkungen wie neuronalen und organischen Schädigungen, die sich u. a. als Entzugserscheinungen bemerkbar machen können. Diese körperlichen Reaktionen begünstigen im psychischen System ein Stresserleben, das mit vermehrtem Substanzgebrauch – der Selbstbehandlung der Nebenwirkungen der Selbstmedikation – reduziert wird. Parallel entwickeln sich im sozialen System nach Zeiten konflikthafter (→ Konflikt) und erfolgloser Veränderungsversuche sowie einer Verknappung emotionaler und ökonomischer → Ressourcen Systemspaltungen mit dem Ergebnis einer Exkommunikation der Abhängigen. Diese soziale Stresserfahrung begünstigt einen vermehrten Substanzgebrauch mit entsprechenden Rückkopplungseffekten in den beteiligten Systemen. Die → Lösungsoperationen der jeweiligen Systeme spuren so eine Selbstorganisationsdynamik ein, die als eingeschränkte Wahlfreiheit erscheint. Dennoch wird das abhängige Verhalten als aktives Tun konzipiert und eine Einflussnahme der Abhängigen prinzipiell für möglich gehalten. Der Verzicht auf diese Einflussnahme kann mit spezifischen Dissoziations- und Assoziationsprozessen erklärt werden. Eine abhängige Entwicklung wird meist vor dem Hintergrund eines psychosozialen → Kontextes begünstigt, der durch existenziell bedeutsame Veränderungsnotwendigkeiten gekennzeichnet ist. Die bisherige Struktur des Lebens passt nicht mehr, eine Veränderung steht an, und die zukünftige Struktur existiert noch nicht. Entwickeln sich in der Folge keine Alternativen bzw. werden die eigenen Ressourcen für die fällige Veränderung als nicht ausreichend bewertet, vermehrt sich das Erleben stressbegünstigender Affekte wie Scham, Unsicherheit und Angst. Die Einnahme psychotroper Substanzen mit dem Risiko einer sich einspurenden Selbstorganisation einer Abhängigkeit wird dadurch wahrscheinlicher. Dies ist umso eher der Fall, je mehr die jeweilige Biografie durch als traumatisierend erlebte (→ Trauma), die Selbstwirksamkeit attackierende Erfahrungen geprägt erscheint. Die persönliche Reifungsherausforderung, also das Erleben der gleichzeitig risiko- und chancenreichen Transformationsphase, wird vermieden. Die Entwicklung stagniert. Abhängiges Verhalten erscheint so als zum → Problem geronne­nes Lösungsverhalten.

Im ersten Schritt geht es in der therapeutischen (→ Therapie) Begegnung außer um affektive Rahmungsprozesse um eine Erhöhung der Selbstregulation (→ Selbstorganisation) im Hinblick auf den Substanzgebrauch. Dabei bewähren sich v. a. methodische Elemente aus dem lösungsorientierten Ansatz wie die Fokussierung auf Ausnahmen, Ressourcen- und Kompetenzorientierung, der Einsatz von → Skalierungen sowie Einladungen zur Selbstbeobachtung. Aufgrund möglicher Entzugserscheinungen muss an parallel zu initiierende medizinische Begleitbehandlungen gedacht werden. Ein sorgfältiges → Ambivalenzmanagement (→ Management) begleitet diese Phase, indem die positiven und negativen Seiten der Abhängigkeit genauso berücksichtigt werden wie die positiven und negativen Seiten der Unabhängigkeit. So entwickeln sich pro­zessbegleitend passgenaue → Zieldefinitionen.

Im zweiten Schritt geht es um die Förderung von Neugierde und Interesse bezüglich der Auseinandersetzung mit der eigenen Gewordenheit und darum, welche biografischen Erfahrungen die abhängige Entwicklung begünstigt haben und welche Resilienz­faktoren bisher noch zu wenig Beachtung für die Bewältigung anstehender Entwicklungsaufgaben fanden. Auch existenzielle Fragen im Hinblick auf die Art des (Weiter-)Lebens, den Umgang mit unwiederbringlich Verlorenem sowie unabänderlich Geschehenem werden berührt sowie die Frage danach, von welchen derzeitigen strukturellen Bedingungen eine Trennung erfolgen muss, ohne dass die Konsequenzen einer solchen Veränderung psychisch und sozial eingeschätzt werden könnten. Zu dieser Phase passt eher eine Ent- statt eine Beschleunigung des therapeutischen Prozesses. Eine neutrale, v. a. veränderungsneutrale Haltung ist daher nützlich. Me­tho­disch sind → Genogrammarbeit, → Hypothetisieren, Ressourcenanker, → Externali­sierung und → Metaphernarbeit sinnvoll (→ Sinn).

In einem dritten Schritt geht es um die Fokussierung gegenwärtiger und zukünf­tiger sozialer Beziehungen. Das Einbeziehen von → Familienmitgliedern lässt die Themen vergangener wechselseitig zugefügter Zumutungen und das Ausloten zukünftig lebbarer alternativer Szenarien aufscheinen. Ein zentrales Thema betrifft in dieser Phase die Frage von Vertrauen und Misstrauen. Methodisch haben sich klassische familien- und paartherapeutische Vorgehensweisen (→ Paar) bewährt wie → zirkuläres Fragen, Zukunftsfragen, → Rituale und szenische Verfahren (z. B. → Psychodrama, → Skulptur, → Soziodrama u. a.).

Verwendete Literatur
Klein, Rudolf (2002): Berauschte Sehnsucht: Zur ambulanten systemischen Therapie süchtigen Trinkens. Heidelberg (Carl-Auer), 3. Aufl. 2009.
Klein, Rudolf (2014): Lob des Zauderns – Navigationshilfen für die systemische Therapie bei Alkoholabhängigkeiten. Heidelberg (Carl-Auer).
Klein, Rudolf u. Gunther Schmidt (2017): Alkoholabhängigkeit. Heidelberg (Carl-Auer).

Weiterführende Literatur
Berg, Insoo Kim u. Scott D. Miller (1993): Kurzzeittherapie bei Alkoholproblemen. Ein lö­sungs­orientierter Ansatz. Heidelberg (Carl-Auer), 7. Aufl. 2009.
Isebaert, Luc (2004): Kurzzeittherapie – Ein praktisches Handbuch. Stuttgart (Thieme).
Klein, Rudolf (2021): Leben mit Alkohol. Herausforderungen und Chancen. Heidelberg (Carl-Auer).
Küstner, Udo, Peter-Michael Sack u. Rainer Thomasius (2003): Familientherapeutische und systemische Ansätze in der Suchtbehandlung. Psychotherapie im Dialog 4 (2): 124–129.