engl. self-reference, franz. auto-référence f, von lat. referre = »zurücktragen, zurückführen, beziehen auf«. »Referenz« bedeutet zunächst allgemein: Empfehlung, → Beziehung, Bericht, Auskunft, Gutachten über jemanden; und Selbstreferenz – ebenso allgemein: einen auf sich selbst Bezug nehmenden Vorgang. Aus systemtheoretisch-konstruktivistischer (→ System) Sicht (→ Konstruktivismus) bezeichnet Referenz das, worauf sich → Beobachtung im Bezeichnen des Beobachteten bezieht. Der Begriff »Selbstreferenz« wurde in der Systemtheorie als Bezeichnung für das operative Handhaben von Beobachtung als Unterscheidung eingeführt. Eine zunehmende Beachtung erfuhr Selbstreferenz besonders unter den Titeln von Erkenntnistheorie und → Autopoiesis.
Auf Erkenntnistheorie gewendet, kann es aus systemtheoretisch-konstruktivistischer Sicht kein objektives Beobachten und Bezeichnen von Realität geben. »Objektivität ist die Illusion, dass Beobachtungen ohne einen Beobachter gemacht werden können« (von Glasersfeld 2002, S. 17). Erkenntnis bleibt stets subjektiv, da beobachtungsabhängig. Das Subjekt ist die Selbstreferenz des Bewusstseins und benennt sich selbst »als Quelle der Erkenntnis und als Quelle der Erkenntnis der Bedingungen der Erkenntnis zugleich« (Luhmann 1987, S. 649). Damit wird bestritten, dass es objektive Erkenntnis geben kann und dem kantschen Verständnis widersprochen, dass dem menschlichen Denken, trotz aller Begrenzung seiner Sinne und seines Verstandes, mittels Vernunft eine letztfundierte Seinserkenntnis möglich sei. Menschen stehen aus systemtheoretisch-konstruktivistischer Sicht keiner objektiv erkennbaren Welt gegenüber, ein Subjekt-Objekt-Verhältnis ist nicht gegeben. Folglich wird im operativen Konstruktivismus Niklas Luhmanns der Subjektbegriff durch den Begriff »Selbstreferenz« ersetzt. Letztlich können wir nur sagen, dass das, was wir von → Gesellschaft beobachten, davon abhängt, wie wir beobachten. Alles als Erkenntnis Bezeichnete ist eine selbstreferenzielle Beschreibung der eigenen Operationen, d. h.: eine → Konstruktion des Systems, das beobachtet. Die Kategorie der Selbstreferenz gewinnt damit den Status der Seinsbeschreibung. Erkenntnis ist an Selbstreferenz gebunden und gleichzeitig Ausgangs- und Endpunkt von Erkenntnisfähigkeit. An die Stelle der zu erkennenden Realität (Erkenntnistheorie) tritt die wirklichkeitserzeugende Beobachtung (Konstruktivismus). »Selbstreferenz bezeichnet die Einheit, die ein Element, ein Prozess, ein System für sich selbst ist« (Luhmann 1987, S. 58). Diese Einheit ist nicht etwa schon vorhanden, sie muss erst durch Beobachtung und relationierende Operationen zustande gebracht werden. Das verweist auf Systembildung. Selbstreferenz erfordert die Bezugnahme auf die Möglichkeiten von → Umwelt. Bezugnahme auf sich selbst ist ohne Bezugnahme auf anderes (Fremdreferenz) nicht möglich. Ohne Differenz zur Umwelt gibt es keine Selbstreferenz. System-Umwelt-Differenz ist die → Funktionsprämisse selbstreferenzieller Operationen. Grenzerhaltung gegenüber der Umwelt ist gleichbedeutend mit Systemerhaltung als Bezugnahme auf anderes durch Bezugnahme auf sich selbst. Ein Vorgang, der selbstreferenzielle Verhältnisse wiedergibt, ist Autopoiesis: die Selbsterzeugung von Strukturen und Elementen einer Einheit durch die Elemente, aus denen die Einheit besteht. Dergestalt spricht man von »autopoietischen« Systemen. Sie operieren selbstreferenziell, verarbeiten also ausschließlich systeminterne Operationen, mit deren Hilfe sie eine System-Umwelt-Grenze bilden. Bei psychischen (→ Psyche) und → Sozialsystemen geschieht dies im Medium → Sinn. Sinn ist das Steuerungsmedium, das die Selektion aller sozialen Kommunikationsformen und psychischen Vorstellungsformen erlaubt. Sinn konstituiert die Grenze zwischen System und Umwelt. Soziale und psychische Systeme beziehen sich fortlaufend auf ihre eigenen Sinnkriterien. → Kommunikation und Bewusstsein operieren immer als Selektionen nach Sinnkriterien. Allen Prozessen psychischer und sozialer Systeme ist demzufolge Sinnzwang auferlegt, damit die Selbstreproduktion des Systems ermöglicht wird. Kommunikation (= soziale Systeme) und Bewusstsein (= psychische Systeme) sind somit selbstreferenzielle Prozesse, die die Elemente, aus denen sie bestehen, sinnhaft nur aus sich selbst schöpfen können. Selbstreferenz bezeichnet mithin die operative Bezugnahme psychischer und sozialer Systeme auf sich selbst, um sich selbst zu ermöglichen und sich von Umwelt zu unterscheiden.
Systemisches Arbeiten beschäftigt sich mit dem Paradoxon (→ Paradoxie) von Veränderung als Eigenleistung psychischer und sozialer Systeme: mit der gleichzeitigen Intentionalisierung und Nichtintentionalisierbarkeit von Veränderung. Die Ausgangslage ist eine wechselseitige Beobachtung zwischen zwei oder mehreren selbstreferenziellen Systemen (psychischen und sozialen Systemen). → Intervention, → Beratung und → Therapie sind als Systemumwelt darauf angewiesen, von den Regeln der »Selbststeuerung« des Systems, das für Veränderungsabsichten zugänglich gemacht werden soll, inkludiert (→ Inklusion) zu werden. Mithin hängt die Auswirkung solcher Absichten zunächst nicht von externen Steuerungsinteressen und Kontrollerwartungen (→ Erwartung) ab, sondern von dem System, das für diese Erwartungen interessiert werden soll. Ausnahmen können hierbei nur → Macht und ihre besondere Form »Zwang« sein. Vom System selbst erzeugte Systemveränderung kann in Gang gesetzt werden, wenn systemisches Arbeiten sich nicht gegen die Autopoiesis des Systems wendet oder sie gar zerstört, sondern zu einer Umorientierung der vom System selbstreferenziell erzeugten Sinnkonstitution anregt. Im Ergebnis bedeutet dies: Sowohl auf der Beobachtungsebene des Erlebens als auch auf der Aktionsebene des Handelns ist in der systemischen Arbeit mit der Selbstreferenzialität sozialer Systeme (→ Interaktions-, → Organisations- und gesellschaftlicher → Funktionssysteme) und psychischer Systeme (→ Personen) umzugehen. Aus systemtheoretischer Perspektive gilt, dass die Bearbeitung von Inklusions- und → Exklusionsproblemen im → Kontext sinnhaft konstituierter Kommunikations- und Bewusstseinssysteme erfolgt. Demzufolge kann nicht davon ausgegangen werden, Handeln und Erleben anderer durch Ratschläge oder Anweisungen steuerbar zu machen. Systemeigener Sinn – so »sinnlos« er fremdreferenziell erscheinen mag – ist die Steuerungszentrale sozialer und psychischer Systeme. Demgemäß muss systemisches Arbeiten an dem systemeigenen Sinn des beobachteten Systems anschließen. → Irritation von Sinn ist der verbleibende Weg für eine autonome (→ Autonomie) Systemveränderung. Sie kann zur Fortsetzung der autopoietischen Operationen eines psychischen bzw. sozialen Systems anregen.
Verwendete Literatur
Glasersfeld, Ernst von (2002): Abschied von der Objektivität. In: Paul Watzlawick u. Peter Krieg (Hrsg.): Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus. Heidelberg (Carl-Auer), 2. Aufl. 2008, S. 17–30.
Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Weiterführende Literatur
Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Luhmann, Niklas (2017): Systemtheorie der Gesellschaft. Herausgegeben von Johannes F. K. Schmidt und André Kieserling. Berlin (Suhrkamp).
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