#8 Die transformative Kraft der Gruppe | Viola Saur und Michael Heine – Was Gruppentherapie wirklich bewirken kann
In dieser Folge spricht Viola Saur mit dem Psychoanalytiker und Gruppenanalytiker Prof. Michael Heine über die Bedeutung von Gruppenarbeit in Therapie und Ausbildung. Im Zentrum steht die Frage, warum Gruppensettings besondere Dynamiken ermöglichen, wie frühere Beziehungserfahrungen dort wieder auftauchen und weshalb eine gute Leitung entscheidend für Vertrauen, Offenheit und Entwicklung ist.Heine gibt Einblicke in die Entstehung der Gruppenanalyse im deutschsprachigen Raum und in die Geschichte der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse in Altaussee. Er erklärt, wie Selbsterfahrung, Beobachtung und Co-Leitung im Ausbildungskonzept ineinandergreifen und warum Humor, Geduld und eine klare Haltung wichtige Voraussetzungen für gelingende Gruppenprozesse sind.Außerdem spricht er darüber, wie sich die Atmosphäre in Gruppen über die Jahrzehnte verändert hat, welche Rolle Konflikte und Kritik spielen und warum Gruppentherapie nicht nur fachlich, sondern auch persönlich ein intensiver Lernraum ist.
Carl-Auer Sounds of Science · #8 Die transformative Kraft der Gruppe | Viola Saur und Michael Heine – Was Gruppentherapie wirklich bewirken kann
#7 Die transformative Kraft der Gruppe | Fabian Schneider und Eleni Wild – Starterset für eine ambulante Gruppe
In dieser Folge geht es um das, was Kinder- und Jugendlichentherapeut:innen wissen sollten oder brauchen, die erstmals eine ambulante Gruppenpsychotherapie starten wollen. Die in Köln in eigener Praxis mit Kassenzulassung niedergelassene Kinder- und Jugendlichentherapeutin Eleni Wild hat zwar vor ihren Ausbildungen zur Verhaltens- und Traumatherapeutin eine Psychodrama-Ausbildung gemacht, praktiziert aber seit 11 Jahren ausschließlich Einzeltherapie. Jetzt trägt sie sich mit dem Gedanken, eine Gruppe zu starten. In diesem Gespräch stellt sie ihre Fragen, die sie in diesem Zusammenhang beschäftigen, Fabian Schneider, der über seine Erfahrungen aus der ambulanten, störungsübergreifenden Gruppenpsychotherapie mit sechs 14- bis 18-jährigen Jugendlichen berichtet und praktische Tipps gibt. Im Einzelnen werden folgende Themen mehr oder weniger ausführlich beleuchtet:
• das Altersspektrum• die Gruppengröße• die Länge der Sitzungen• die Sitzungsfrequenz• geschlossene und halboffene Gruppe• die Raumgröße• welche Störungsbilder und Themen in der Gruppe behandelt werden• die Auswahl der Patient:innen und Ausschlusskriterien• wer von der Gruppe profitiert und wer nicht• die Gruppendynamik und das Eigenleben der Gruppe• die Bereitschaft der Jugendlichen, Gruppentherapie anzunehmen• welche Rolle Schamgefühle spielen• wie man damit umgeht, wenn Gruppenteilnehmer:innen auf andere inadäquat reagieren• die Rolle und Haltung der Gruppentherapeutin• die Haltung der interaktiven Co-Regulation• das Methodenrepertoire• die Gesprächstechniken des Reihums und des Expertenrats• welche therapeutischen Materialien man benötigt• und wie die Gruppentherapie beendet wird.
Carl-Auer Sounds of Science · #7 Die transformative Kraft der Gruppe | Fabian Schneider und Eleni Wild – Starterset für eine ambulante Gruppe
#6 Die transformative Kraft der Gruppe | Fabian Schneider und Dr. Carmen Unterholzer – Mehr multiple Resonanzräume
In dieser Folge sprechen wir mit Dr. Carmen Unterholzer aus Wien, einer Pionierin der systemischen Gruppentherapie. Seit über zwei Jahrzehnten beschäftigt sie sich intensiv mit Gruppensettings und lehrt am Institut für Systemische Therapie in Wien. Sie arbeitet dort als Psychotherapeutin für Einzel‑, Paar‑, Familien‑ und Gruppentherapie und leitet Fortbildungen mit Schwerpunkt „Gruppentherapie“. Zudem ist sie Lehrtherapeutin bei der ÖAS und lehrt an den Universitäten Klagenfurt, Innsbruck und Wien.
Bekannt wurde Carmen Unterholzer durch ihre Publikationen, etwa Es lohnt sich, einen Stift zu haben, in dem sie schreibtherapeutische Methoden mit systemischen Zugängen verbindet. 2022 veröffentlichte sie gemeinsam mit Herbert Gröger das Handbuch der systemischen Gruppentherapie – das erste umfassende Werk zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum. In unserem Gespräch spricht sie auch über ihr neues Buch 101 Ideen für die systemische Gruppentherapie, das bald erscheint.
Unterholzer erzählt, wie sie zur Gruppentherapie fand: Nach einer poesie‑ und bibliotherapeutischen Ausbildung in der Schweiz leitete sie Schreibgruppen zu Themen wie Mutter‑Tochter‑ oder Schwester‑Beziehungen. Während ihrer systemischen Familientherapieausbildung fiel ihr auf, dass das Gruppensetting darin kaum vorkam – obwohl Mehrpersonensettings eigentlich eine Stärke systemischer Arbeit sind. Da es im deutschsprachigen Raum kaum Literatur oder Fortbildungsangebote gab, begann sie, eigene Konzepte zu entwickeln.
Seit 2017 gestaltet Unterholzer mit Kolleg:innen Curricula zur systemischen Gruppentherapie, aktuell bereits im fünften Durchgang mit folgenden Themen:• Schwerpunkt Zielgruppe: Kinder, Jugendliche, Angehörige und ältere Menschen,• unterschiedliche systemische Ansätze: hypnosystemischer, narrativer, problem- und lösungsorientierter Ansatz.• Grenzthemen: Körper, Emotionen, Familienrekonstruktion und Multifamilientherapie.• Seit diesem Jahr bietet Unterholzer mit Jennifer Kernreiter vier Module zur Gruppentherapie an.
In ihrer Praxis leitet Unterholzer mit Evtimiya Radeva Kulnigg störungsunspezifische Gruppen unter dem Titel „Hoffen, Stärken, Verändern“. Die Teilnehmenden kommen aus psychiatrischen Kliniken, Rehazentren oder von niedergelassenen Kolleg:innen – so entstehen vielfältige Gruppen mit unterschiedlichen Anliegen. Statt geschlossener Gruppen bietet sie heute halboffene Formate an, deren wechselnde Dynamik sie als bereichernd erlebt. Das Altersspektrum reicht von 24 bis 68 Jahren, die Sitzungen finden alle drei bis vier Wochen samstags statt und dauern vier Stunden.
Unterholzer beobachtet, dass viele Menschen heute vereinzelt sind. Gruppen bieten hier einen Raum für Begegnung, Austausch und gegenseitige Unterstützung. Soziale Ängste können abgebaut, neue Freundschaften geknüpft werden. Besonders schätzt sie das Wissen, das in Gruppen selbst steckt: Wenn Teilnehmende einander unterstützen, entsteht Selbstwirksamkeit – ein Schlüsselmoment therapeutischer Veränderung.
Im Interview spricht Unterholzer außerdem über den Umgang mit schwierigen Gruppendynamiken und die Haltung der Therapeutin zu Konflikten. Für die Zukunft wünscht sie sich „mehr multiple Resonanzräume“ und mehr Gruppenangebote in der niedergelassenen Praxis. Ihr Appell: Mehr Kolleg:innen sollen sich trauen, Gruppen anzubieten – und mehr Forschung soll zeigen, welche Wirkfaktoren in welchen Gruppentypen besonders wirksam sind.
Carl-Auer Sounds of Science · #6 Die transformative Kraft der Gruppe | Schneider & Unterholzer – Mehr multiple Resonanzräume
#5 Die transformative Kraft der Gruppe | Schneider, Scholz & Rix – Familienklassenzimmer & Multifamilientherapie
In dieser Folge sprechen Katja Scholz und Dr. Maud Rix über ihre Arbeit mit Multifamilientherapie (MFT) und Mehrfamilienarbeit (MFA). Besondere Formen der Gruppentherapie, bei denen sechs bis sieben Familien gemeinsam mit zwei Therapeut:innen arbeiten. Entstanden ist daraus ein lebendiges Setting mit bis zu 30 Personen, in dem Austausch, Perspektivwechsel und gegenseitige Unterstützung im Mittelpunkt stehen.
Rix und Scholz gründeten 2011 das Multifamilientherapie Institut Dresden und lernten die Methode bereits 1995 bei Eia Asen und Prof. Michael Scholz kennen. Lange Zeit wurde MFT vor allem in Schulen, Kliniken und der Jugendhilfe praktiziert, inzwischen findet sie zunehmend auch in der ambulanten Psychotherapie Anwendung. Ob in geschlossenen oder halboffenen Gruppen. Die Dynamik unterscheidet sich, doch das Ziel bleibt gleich: Familien sollen voneinander lernen, neue Sichtweisen entwickeln und eigene Lösungswege entdecken.
Die Rolle der Therapeut:innen ist dabei besonders. Sie vertrauen auf die Kraft der Gruppe, schaffen einen sicheren Rahmen und fördern konstruktive Rückmeldungen, statt Ratschläge zu geben. Der Leitsatz lautet: „Begleiten statt belehren.“ Eltern werden als Expert:innen für ihre Kinder ernst genommen – ein Perspektivwechsel, der oft für spürbare Entlastung sorgt.
Ein besonderes Anwendungsfeld ist das Familienklassenzimmer, das sich inzwischen deutschlandweit etabliert hat, vor allem im Norden. Hier werden Eltern aktiv in den Schulalltag einbezogen, um gemeinsam mit Lehrer:innen Lern- und Verhaltensschwierigkeiten anzugehen. Über ein Schulhalbjahr hinweg gestalten Eltern, Lehrer:innen und Kinder gemeinsam Unterrichtseinheiten, ergänzt durch Eltern- und Familiengruppen. Ziel ist eine echte Erziehungspartnerschaft, getragen von der Überzeugung: „Ohne die Eltern kommen wir nicht weiter.“ Kinder sollen ihre Lehrer:innen „gut finden dürfen“.
Zum Umgang mit herausfordernden Gruppendynamiken betonen Rix und Scholz: Es braucht Mut, Humor, Fehlerfreundlichkeit und ein gutes Handwerkszeug. Multifamilientherapeut:innen sollten zu Beginn eher strukturierend vorgehen, um Sicherheit zu geben. Mit wachsendem Vertrauen kann dann mehr Raum für Eigeninitiative entstehen. Ebenso wichtig sind Nachbereitung und Reflexion nach jeder Sitzung. Besonders bereichernd ist ein interdisziplinäres Team – etwa aus Pädagogik, Pflege, Ergotherapie oder Sozialarbeit – da unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen sich ideal ergänzen.
Rix und Scholz vermitteln in ihren Seminaren eine humorvolle, wertschätzende Haltung und zeigen, wie ein eingespieltes Therapeutinnen-Duo die Gruppe in einen Flow bringt. Ihre Begeisterung ist ansteckend: „Man muss die Kraft der Gruppe erlebt haben – und die gute Energie, die daraus entsteht.“
Carl-Auer Sounds of Science · #5 Die transformative Kraft der Gruppe | Schneider, Scholz & Rix – Familienklassenzimmer & Multifamilientherapie
#4 Die transformative Kraft der Gruppe | Schneider & Boddin – PiA trifft Gruppe
Diese Folge richtet sich an Psychotherapeut:innen in Ausbildung (PiAs) und an alle, die darüber nachdenken, eine Therapiegruppe zu starten. Sie zeigt, wie sich die Anfangsphase anfühlt und worauf man achten sollte. Herr Boddin begann mit der gruppentherapeutischen Arbeit, als er noch wenig Erfahrung hatte. Ein mutiger Schritt. Heute freut er sich auf seine wöchentlichen Gruppentermine! Ein Gefühl, das viele Gruppentherapeut:innen teilen und das zeigt: Gruppentherapie lohnt sich.Herr Boddin befindet sich im vierten Jahr seiner Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Verfahren Verhaltenstherapie. Bereits zwei Jahre nach Beginn seiner Ausbildung startete er seine erste Therapiegruppe und leitet nun seit 1,5 Jahren eigenständig eine störungsübergreifende, halboffene Gruppe mit sechs 12- bis 16-Jährigen in einer sozialpsychiatrischen Praxis.
Als größte Herausforderungen zu Beginn nennt er die Themenvorbereitung und das manchmal unvorhersehbare Verhalten der Jugendlichen. Mit zunehmender Routine habe sich der Aufwand jedoch deutlich reduziert. Schon nach rund zehn Sitzungen sei ein spürbarer Übungseffekt eingetreten.Vorteile der Gruppentherapie sieht Herr Boddin vor allem in der gegenseitigen Unterstützung der Jugendlichen. Sie lernen voneinander, profitieren von der Interaktion und erleben, dass Ratschläge von Gleichaltrigen oft anders wirken als die des Therapeuten. Er empfindet die Gruppensitzungen als bereichernd und häufig weniger anstrengend als Einzeltherapien, da er mehr moderieren und das Geschehen „laufen lassen“ könne.Bei der Auswahl der Jugendlichen achtet er darauf, dass sie Interesse an der Gruppentherapie haben. Nach der Diagnostik bietet er Schnupperstunden an und führt anfangs oft Einzelgespräche, kündigt aber direkt an, dass nur Gruppenplätze frei sind. Dass er seine Patient:innen selbst auswählen kann, sieht er als entscheidend für eine gute Gruppendynamik.
Angehenden Gruppentherapeut:innen rät Herr Boddin, Ruhe zu bewahren, genau zu beobachten, wer welche Rolle in der Gruppe einnimmt, und das Geschehen so zu strukturieren, dass alle integriert werden. Wichtig sei, zu erkennen, wann man eingreifen sollte – und wann nicht. Gruppendynamik verlaufe sehr unterschiedlich und beeinflusse die Rolle der Therapeutin bzw. des Therapeuten stark.In der Psychotherapieausbildung sieht Herr Boddin organisatorische Hürden, die dazu führen, dass Gruppentherapie oft nicht umgesetzt wird. Er wünscht sich mehr gruppentherapeutische Lerninhalte. Unter den PiAs, die er kennt, erwerben etwa 50 % die Gruppenzulassung, meist durch Anrechnung von Klinikzeiten. Rund ein Drittel würde sie gerne erwerben, findet aber keine Möglichkeit dazu. Sein Rat: Gruppentherapie einfach ausprobieren – sie macht Spaß, bringt Abwechslung und neue Interventionen, auch wenn nicht jede sofort funktioniert.
Für seine Zukunft sieht Herr Boddin die Gruppentherapie als festen Bestandteil seiner Arbeit: Sie bereichert den Therapiealltag, entlastet im Vergleich zur Einzeltherapie und bietet Jugendlichen wertvolle soziale Lernmöglichkeiten.
Carl-Auer Sounds of Science · #4 Die transformative Kraft der Gruppe | Schneider & Boddin – PiA trifft Gruppe