Formen-Collage

In dem Buch „Formen“ hat der Autor (Fritz B. Simon) versucht, die Logik der Wechselbeziehungen zwischen dem menschlichen Organismus, der Psyche und unterschiedlichen Typen sozialer Systeme durch zu deklinieren. Da dies thematisch ziemlich umfangreich ist, hat er eine sehr kondensierte Form – einzelne, durchnummerierte Sätze – gewählt. In der hier, auf der Website des Verlags, publizierten „Formen-Collage“ sind diese Sätze durch freie Assoziationen, Kommentare und ausführliche Literaturzitate ergänzt. Wer dies durcharbeitet, spart sich gewissermaßen das Leben des Autors (allerdings nur das professionelle bzw. dessen theoretische Reflexion – für eine Praxis zu sorgen, die sich daraus ableiten lässt, bleibt jedem Leser selbst überlassen). Die Collage ist allerdings noch nicht fertig gestellt. Bislang ist etwa die Hälfte der Sätze bearbeitet. Es dauert also noch geraume Zeit, bis alles fertig ist - wenn es das denn je sein wird…

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Vorwort

Vorwort

Der vorliegenden Text beschäftigt sich auf einer ganz allgemeinen Ebene mit der Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen dem Organismus des Menschen, seiner Psyche und den sozialen Systemen, in denen er lebt bzw. an denen er sich beteiligt – genauer gesagt: den Wechselbeziehungen zwischen der Dynamik biologischer Prozesse, der individuellen Psychodynamik und den Kommunikationsmustern in gesellschaftlichen Systemen.

Da diese Fragestellung sehr allgemein gehalten ist, war die Fokussierung der Aufmerksamkeit und eine entsprechende Schwerpunktsetzung nicht zu vermeiden. Sie ist geleitet von meinen, im Laufe meines professionellen Lebens entwickelten Interessen als Psychiater, Organisationsberater und Bürger.

Das theoretische Rüstzeug zur Bearbeitung dieser Fragestellungen liefern Konstruktivismus und Systemtheorie. Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit, in den Nach-1968er-Jahren, herrschte in der Psychiatrie heftiger Streit der Ideologien: Auf der einen Seite des Spektrums diskutierte die Antipsychiatrie, wie kapitalistische Produktionsverhältnisse den Wahnsinn des Individuums produzieren, und auf der anderen Seite des Spektrums vertraten Biopsychiater ganz traditionell die These, „Geisteskrankheiten“ seien Krankheiten des Gehirns, und in der Mitte, irgendwo zwischendrin, meinten wohlmeinende Sozialpsychiater, es seien die Institutionen, d.h. die Organisation der Psychiatrie, die für das Elend und die Chronifizierung der Anstaltsinsassen verantwortlich zu machen sind.

Die Theorien, auf die sie sich jeweils bezogen, operierten auf ganz unterschiedlichen Abstraktionsebenen, was ihren Wert für den Praktiker reduzierte. Sollte der Psychiater, der alltäglich mit Leuten zu tun hatte, die sich irgendwie „verrückt“ verhalten, darauf warten, dass der Kapitalismus überwunden wird? Oder sollte er seine Hoffnung darauf setzen, dass – wie alle paar Wochen verkündet wurde (und immer noch wird) – endlich die biologische Ursache „der“ Schizophrenie gefunden ist und das dazu passende Pharmakon? Alternativen, die wenig überzeugend waren und es immer noch nicht sind...

Systemtheorie und Konstruktivismus lieferten hingegen einen hinreichend abstrakten, transdisziplinären Rahmen, der in Biologie, Psychologie und Soziologie verwendbar war und sich jeweils, den konkreten praktischen Fragestellungen entsprechend mit Inhalten füllen ließ. Das bestätigte sich für mich später auch in der Organisationsforschung und Organisationsberatung.

Das generelle Problem ist ja, dass jeder Mensch es im Alltag mit unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit zu tun hat, die unterschiedlichen Spielregeln und Logiken folgen und nicht im Sinne geradliniger Ursache-Wirkungs-Beziehungen aufeinander zurückgeführt werden können. Konstruktivistische Ansätze werden der Situation des Menschen, dass er als Beobachter durch die Welt geht, der nicht alles gleichzeitig beobachten kann und eine Auswahl treffen muss, in besonderer Weise gerecht. Sie bilden auch die Grundlage für die Beantwortung der Frage, wie die Art des Beobachtens das beeinflusst, was beobachtet wird. Die Systemtheorie kann aufgrund ihrer Abstraktheit genutzt werden, um Wechselbeziehungen zwischen beobachtenden und beobachteten Systemen zu analysieren, auch wenn sie unterschiedlicher Materialität sein sollten. Da es um ziemlich abstrakte Fragestellungen geht, fallen die hier präsentierten Bestrebungen, Antworten zu finden, auch ziemlich abstrakt aus.

Dass diese Bestrebungen zu einem großen Teil mit denen anderer Autoren zusammenfallen, will ich hier ausdrücklich betonen. Ja, was ich hier geschrieben habe, macht im Einzelnen überhaupt nicht den Anspruch auf Neuheit; und darum gebe ich auch keine Quellen an, weil es mir gleichgültig ist, ob das, was ich gedacht habe, vor mir schon ein anderer gedacht hat.

Nur das will ich erwähnen, dass ich den großartigen Werken Gregory Batesons, Jon Elsters, Sigmund Freuds, Ernst von Glasersfelds, Erving Goffmans, Edward T. Halls, Humberto Maturanas, Niklas Luhmanns, Charles Osgoods, Jean Piagets, Francisco Varelas, Georg-Hendrik von Wrights, Benjamin L. Whorfs und Ludwig Wittgensteins einen großen Teil der Anregungen zu meinen Gedanken schulde (dieser hier kursiv gedruckte Text ist mir von Kritikern als Zeichen der Borniertheit vorgeworfen worden – wahrscheinlich ja zu recht; in der Printausgabe ist leider von einem - wahrscheinlich wohlmeinenden - Lektor oder Setzer der Kursivdruck beseitigt worden; er war mir wichtig, denn dieser Satz ist tatsächlich geklaut: aus der Einleitung von Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus, von dem ich mir die Legitimation für die von mir gewählte Form leihen wollte).

Hervorzuheben ist George Spencer-Brown, dessen „Gesetzen der Form“ der vorliegende Text nicht nur seinen Namen verdankt, sondern auch die zentralen Begriffe: Unterscheidung (distinction) und Bezeichnung (indication), die, um der Klarheit willen, im hier vorgelegten Text meist zusammen mit ihrer deutschen Version verwendet werden. Hinzu kommt in den Abbildungen die Nutzung der Spencer-Brownschen Notation („Kreuze“). Ich bin mir sicher, dass George Spencer-Brown mit meinem Gebrauch seiner Notation, ja, wahrscheinlich auch dem seiner Begrifflichkeit nicht einverstanden wäre, so, wie ich ihn in unserer gemeinsamen, recht konflikthaften Geschichte erlebt habe. Das heißt hier aber nur, dass er – genauso wenig wie einer der anderen genannten Autoren – für eventuellen Quatsch, den ich hier publiziere, verantwortlich zu machen ist.

Zu den explizit erwähnten Autoren kommen wahrscheinlich noch viele andere hinzu, von denen mir manchmal nicht mal mehr bewusst sein dürfte, was ich ihnen verdanke bzw. welche Ideen oder Einsichten ich von ihnen geklaut habe. Sie seien sicherheitshalber schon einmal um Verzeihung gebeten. Bewusst bin ich mir jedoch der Tatsache, dass ich von einigen Kollegen – manche von ihnen vorübergehend, andere immer noch, Freunde – mit denen ich unterschiedlich eng zu unterschiedlichen Zeiten praktisch zusammengearbeitet und unterschiedlich heftig (nicht nur) über Theoriefragen gestritten habe, außerordentlich angeregt wurde. Ihnen allen danke ich hiermit. Es sind: Dirk Baecker, Luigi Boscolo, Gianfranco Checchin, Luc Ciompi, Hans-Rudi Fischer, Heinz von Foerster, Arnold Retzer, Raoul Schindler, Gunther Schmidt, Helm Stierlin, Mathias Varga von Kibéd, Paul Watzlawick, Gunthard Weber, Helmut Willke und Rudi Wimmer. Mein besonderer Dank gilt Torsten Groth, Gerhard Krejci und Mathias Ohler, die den Text durchgesehen und wichtige Anregungen zu seiner Verbesserung gegeben haben. Trotzdem gehen natürlich alle Fehler, unnötige Redundanzen und andere Unmöglichkeiten, die sich im Text wahrscheinlich ja finden lassen, auf mein Konto.

Eine weitere Vorbemerkung ist nötig. Die Fokussierung der Aufmerksamkeit, die ich vorgenommen habe, ist autobiographisch zu erklären, d.h. fast alles, was ich hier geschrieben habe, habe ich mehr oder weniger schon an anderer Stelle publiziert, allerdings nicht in der hochgradig kondensierten Form, die ich hier gewählt habe. (Wer an den verwendeten Quellen interessiert ist, sei daher auf meine anderen Publikationen mit ausführlichen Literaturverzeichnissen verwiesen).

Zum Schluss noch eine Warnung: Ich habe hier so gearbeitet, wie ein begeisterter Kleingärtner seinen Rasen mäht, der zunächst eine senkrechte Spur legt, dann eine waagrechte, dann wider eine senkrechte usw., und am Schluss auch noch die Kanten von übrig gebliebenen Grashalmen mit der Schere zu befreien versucht. Anders gesagt: Ich habe keinerlei Versuche unternommen, meine eigene Zwanghaftigkeit unter Kontrolle zu bekommen. Das hat im besten Fall zwar zu einer gewissen Präzision von Formulierungen geführt (hoffe ich), im schlechtesten zu überflüssigen Redundanzen und kleinkarierter Betonung von Unterschieden, über die man im Alltagsdiskurs ohne Weiteres hinweggehen kann (befürchte ich).

Bei der Betrachtung von Texten hat sich bewährt, zwischen strengem und lockerem Denken zu unterscheiden. Strenges Denken ist durch konsistentes Argumentieren und Schließen bestimmt. Es charakterisiert (im Idealfall) die Spielregeln der Wissenschaften. Ziel sind Aussagen, die interpersonell überprüfbar und/oder zumindest in ihrer Logik nachvollziehbar sind. Lockeres Denken ist hingegen privatistisch, es nutzt Analogien und Ähnlichkeiten, folgt freien Assoziationen, und seine Schlussfolgerungen können keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Das Buch besteht aus aufeinander aufbauenden, durchnummerierten Sätzen. In ihnen habe ich mich um strenges Denken bemüht (was mir ja trotz aller Zwanghaftigkeit immer nur mehr oder weniger gelungen sein dürfte). Solch ein Denken ist unvermeidlich reduziert, denn der zweite, meist viel kreativere Aspekt menschlichen Denkens, die freien Assoziationen, der Niederschlag persönlicher Erfahrungen und surreale oder wirre Ideen, die den eigentlichen Grund für die Bemühung um Strenge bilden, bleiben um der Strenge willen ausgeblendet.

Deshalb habe ich mich entschlossen, auch angeregt dadurch, dass manche Leser es als Zumutung erleben, meine Setzungen einfach zu akzeptieren, ohne anzugeben, woher ich meine „Weisheiten“ denn habe, den einzelnen Sätzen (inklusive der Überschriften) erklärende Kommentare, meine freien Assoziationen und mir wichtige Literaturzitate hinzuzufügen (was bedeutet, dass ich von dem oben verkündeten Entschluss, keine Quellen anzugeben, teilweise abgerückt bin). Dadurch mag sich für den einen Leser der wissenschaftliche Kontext der Sätze ein wenig verdeutlichen und die Möglichkeit eröffnen, bei den genannten Autorinnen und Autoren weiterzulesen, für den anderen dürften sie lediglich als Illustration und Konkretisierung abstrakter Zusammenhänge dienen.

Mir ist bewusst, dass dieses Format weder wissenschaftlichen Konventionen noch jedermanns Geschmack entspricht. Es ist mit den hier, in der Online-Version vorgenommenen Erweiterung mehr Collage als wissenschaftlicher Text.

Im Moment (Mai 2020) habe ich etwa die Hälfte des Buches in dieser Weise bearbeitet. Ich stelle nach und nach die einzelnen Sätze samt Kommentar und Literatur ins Netz. Es dauert sicher noch einige Zeit, ehe ich mit dieser Arbeit fertig bin. Bis dahin sind viele der durchnummerierten Sätze weder im Netz publiziert noch kommentiert. Ich kann den an ihnen Interessierten nur auf das Buch verweisen, in dem zumindest der gesamte Originaltext zu finden ist.

Um meine guten Vorsätze hinisichtlich des Zitierens zu demonstrieren, hier einige für das gesamte Buch programmatische Textschnipsel:

“Platons berühmte Entdeckung betraf die »Realität« der Ideen. Gewöhnlich denken wir, daß ein Teller »real« ist. Platon stellte aber erstens fest, daß der Teller in Wahrheit nicht rund ist, und zweitens, daß sich die Welt so wahrnehmen läßt, als enthalte sie eine sehr große Anzahl von Objekten, die der »Rundheit« ähneln, sich ihr annähern oder sich darum bemühen. Deshalb behauptete er, dass die »Rundheit« ideell ist (wobei sich das Adjektiv von Idee herleitet), und daß solche ideellen Bestandteile des Universums die tatsächliche Erklärungsgrundlage für seine Formen und seine Struktur bilden. Für ihn, wie für William Blake und viele andere, war das »körperliche Universum«, das unsere Zeitungen für »real« halten, eine Art Nebenprodukt des wahrhaft Realen, nämlich der Formen und Ideen. Im Anfang war die Idee.”

Bateson, Gregory (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 10 (Fußnote).

“L ü c k e n – Die Aufforderung, man solle sich der intellektuellen Redlichkeit befleißigen, läuft meist auf die Sabotage der Gedanken heraus. Ihr Sinn ist, den Schriftsteller dazu anzuhalten, alle Schritte explizit darzustellen, die ihn zu seiner Aussage geführt haben, und so jeden Leser zu befähigen, den Prozeß nachzuvollziehen und womöglich – im akademischen Bereich – zu duplizieren. Das arbeitet nicht bloß mit der liberalen Fiktion der beliebigen, allgemeinen Kommunizierbarkeit eines jeden Gedanken und hemmt dessen sachlich angemessenen Ausdruck, sondern ist falsch auch als Prinzip der Darstellung selber. Denn der Wert eines Gedanken mißt sich an seiner Distanz von der Kontinuität des Bekannten. Er nimmt objektiv mit der Herabsetzung dieser Distanz an; je mehr er sich dem vorgegebenen Standard annähert, um so mehr schwindet seine antithetische Funktion, und nur in ihr, im offenbaren Verhältnis zu seinem Gegensatz, nicht in seinem isolierten Dasein liegt sein Anspruch begründet.”

Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Frankfurt (Suhrkamp), S. 141f.

“LASCIATE OGNI SPERANZA, VOI CH’ ENTRATE.”

[“LASST ALLE HOFFUNG FAHREN, WENN IHR HIER HEREINKOMMT.”]

Dante Alighieri: La Comedia / Die Göttliche Komödie, Bd. I: Inferno / Hölle. Stuttgart (Reclam) 2017, S. 42/43

 

 

 

 

 

Sowas muss man mögen, um sich darauf einzulassen...

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