Trump ist nicht verrückt

Trump für verrückt zu halten sei eine Beleidigung für alle psychisch kranken Menschen, so Allen Frances, Professor Emeritus am Duke University Medical College. Auch wenn zur Zeit eine Welle von Narzissmus-Bashing über Trump hereinbricht, so würden auf Trump nicht die Narzissmuskriterien zutreffen. Zwar sei Trump ein Weltklasse-Narziss. Er sei aber deshalb nicht psychisch krank.

Stattdessen müsse man Trump wegen seiner Ignoranz, seiner Impulsivität, seines Missbrauchs durch diktatorisches Machtgehabe kritisieren und anklagen. Um nur einige seiner hervorstechenden, gewiss zu kritisierenden Verhaltensmerkmale zu nennen.

Frances hat wesentlich an der Bestimmung der Narzissmuskriterien mitgewirkt. Man könnte annehmen, er weiss, wovon er spricht. Es geht mir nicht darum, die Pathologiedebatte um das Trumpsche Verhalten oder seine angebliche (mögliche?) Persönlichkeitsstörung fortzuführen. Noch darum, gemeinsam mit so vielen anderen in das Blashorn eines medialen Narzissmusorchesters einzustimmen.

Noch geht es mir darum mich als ein transatlantischer Verfechter der sogenannten Goldwater-Vereinbarung zu outen. Diese ist eine Selbstverpflichtung von amerikanischen Psychiatern und Psychotherapeuten nämlich jedwede Ferndiagnose über mögliche Persönlichkeitsstörungen amerikanischer Präsidenten zu unterlassen.

Daher ist es um so vordringlicher auf die Trumpschen Verhaltensmuster zu blicken. Diese sind selbstverständlich nicht mit irgendeiner Persönlichkeitsstörung zu verwechseln. Frances spricht diese Verhaltensmuster an und nimmt sie als Grundlage dafür, das politische Verhalten des Herrn Trump zu kritisieren oder gar anzuklagen. Man kann meines Erachtens, und in diesem Fall sollte man dies auch gewissenhaft tun, psychologisch-psychotherapeutische Denkmodelle hierauf anwenden. Diese Verhaltensmuster sind allgemein sichtbar, erkennbar und bedürfen keiner vertraulichen Vier-Augen-Gespräche, um diagnostiziert zu werden.

Das Besondere bei diesen Verhaltensmustern ist, dass sie unter Stress, man könnte fast sagen, automatisch zur Wirkung kommen. Sind sie einem doch auf den Leib geschrieben und fungieren im Sinne des eigenen sozialen und kommunikativen Überlebens. Die vielfach und Facetten reich beschriebenen Verhaltensmuster von Trump haben ihm, sonst wäre er sicherlich geschäftlich nicht so erfolgreich gewesen, zu einem solchen Überleben verholfen.

Wahlkampf, vor allem ein US amerikanischer, ist monatelanger High-Speed-Stress. Dies zu erkennen war auch für uns Medienkonsumenten nicht zu schwierig. Dann die Entscheidung, endlich gewählt worden zu sein, und schließlich das im Minutentakt erfolgende Trump-Bashing sind an Trump gewiss nicht stressfrei vorübergegangen.

Trump ist also unter Stress. Und Trump hat "automatisch" auf den Überlebensmodus geschaltet (oder ist immer noch drin). Wer hätte das nicht auch getan? Das ist nur all zu menschlich.

Es geht aber nicht um Trump als Menschen. Sondern um Trump in der Rolle und Funktion des bedeutsamsten Politikers der Vereinigten Staaten. Daher muss zu recht gefragt werden, inwieweit gerade diese Verhaltensmuster zu seiner Rolle und Funktion passen. Und wenn nein, was sie anrichten werden / können. Dies ist keine Persönlichkeitsanalyse eines Küchenpsychologen. Dies ist keine Gleichsetzung mit psychisch kranken Menschen. Dies ist eine ernst zunehmende Rollenanalyse, die im Business Alltag ist.

Trump ist Geschäftsmann und er versteht Politik als Deal. Warum ihn dann nicht an dem messen, was im Business ist, auch in den Staaten üblich, messen?

Hierauf aufbauend dann Entscheidungen zu treffen, wie man mit jemandem in dieser Rolle, mit diesen Verhaltensmustern, umzugehen hat, ist eine machtpolitische Entscheidung. Diese ergibt sich nicht logischerweise aus den Kriterien einer solchen Analyse, kann aber durch die Analyse der Verhaltensmuster gewiss befruchtet und bestärkt werden. Auf Seiten der Politik wird wahrscheinlich nicht viel passieren. Trump ist offiziell gewählt. Die sorgsame und nüchterne Analyse seiner Verhaltensmuster kann jedoch den Menschen, Medien und anderen Vertretern der Gewaltenteilung Anlass geben, an ihre eigene Wahrnehmung zu glauben und (hoffentlich) entsprechend zu handeln.