Systemische Kommunikation in Metakrisen und Wirklichkeitsemulation

- Gitta und Ralf Peyn


 


 


Abstract


Metakrisen fordern multiresiliente Individuen und multiresiliente Gesellschaften. Sie kennzeichnen sich dadurch, dass in mehr als einem Funktionssystem Krise(n) beobachtet werden und mehr als ein Funktionssystem auf Krise(n) antwortet. Während die Metakrisen zu funktionssystem-übergreifenden Lösungen anregen und neue menschliche und technologische Lösungen abfragen, steigert die über Zusammenfallen von Algorithmisierung, Digitalisierung, Globalisierung und Vernetzung in eine emergente Ära (Peyn G., 2018, Wirklicheitsemulation - zum Begriff) eingetretene Gesellschaft die Probleme noch einmal, denn mit dieser anderen Komplexität müssen Individuum und Gesellschaften erst umgehen lernen. Mit Wirklichkeitsemulation kommen emergente Modelle, Methoden und Tools, die dabei helfen krisenfunktionale Programme zu schreiben. Dazu gehört „Reorganisation des Unbestimmten“, systemische(s) Modell, Methode und Tool für Analyse und (Re)Organisation von Kommunikation(ssystemen), Perspektivwechsel auf Kommunikation auch in kommunikativen Riesenwellen und zum Steigern multiresilienten Beobachtens komplexer Zusammenhänge und Systeme.


 


In Kapitel 1 dieser Arbeit werden wir zunächst einige grundlegende Begriffe klären, vermittels derer leichter fallen wird zu begreifen, wie bedeutsam gesamtsystemisches Umdenken und damit Umdenken jedes Einzelnen für adäquates Umgehen mit Metakrisen wird. Lernen Menschen nicht Welt mehrdimensioniert und differenzierter zu fassen und außerdem ihre Konzepte zeitgemäß zu formen, werden sie immer in Krisensituationen zunächst alles abfragen, was für sie bislang funktioniert hat. Oben drauf die Langsamkeit von Organisationen und Politik mit Betriebssystemen aus dem letzten oder gar vorletzten Jahrhundert, und die mit Metakrisen konfrontierten Gesellschaften drohen dasselbe Schicksal zu erleiden wie alle anderen vor ihnen untergegangenen Hochkulturen.


Darauf folgen in Kapitel 2 einige typische Probleme von heute im Umgang mit Metakrisen, um ein Bild davon zu bekommen, dass, warum und wo wir individuell, organisatorisch und gesellschaftlich nicht nur auf systemisches, sondern auf FORMenlogisch basiertes systemische(s) Denken und Kybernetik umstellen sollten, um bereits vorhandene dysfunktionale Handlungsmodelle zu ersetzen und neue Programme zu schreiben.


In Kapitel 3 werden wir dann „Systemische Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten“ vorstellen, ein auf uFORM iFORM, einer von uns entwickelten polyvalenten Erkenntnislogik (Peyn R., 2017, uFORM iFORM), basierendes Analysemodell für KommunikationsFORMen, das dabei hilft, Kommunikation im privaten, organisationellen und gesamtgesellschaftlichen Rahmen auf ihre FORMen hin zu untersuchen und damit Vorhersagen darüber machen zu können, ob das sich daraus jeweils entwickelnde Kommunikationssystem tut, was wir uns davon wünschen, oder welche Änderungen wir initialisieren, bzw. orientieren und organisieren müssen, um die Resultate zu erhalten, die gut für die Krisen funktionieren, die uns herausfordern.


Individuen und Gesellschaften, die sich auf FORMenlogisch-systemisch basierte Organisation um- oder einstellen, lernen Kommunikation mehrdimensioniert zu fassen und hoch differenziert aufzulösen. Sie lernen Distanz zum System, deutlicher zwischen System und Umwelt zu unterscheiden, und sie verringern dadurch das Risiko durch Wunschdenken und selbsterfüllende Prophezeiungen dieselben Fehler zu machen, die die Menschheit in der Geschichte im Umgang mit Krisen wieder und wieder begangen hat.


Systemische FORMenanalyse hilft Selbstrhythmisierung der FORM und damit des Systems zu begreifen und aus dieser Warte heraus eher zu erkennen, dass und wie Emergenz emergente Antworten fordert. Sie hilft dabei leichter entscheiden zu können, ob und wann Modell, Methode oder Tool tatsächlich für das Problem funktionieren, wo sie bereits in der Geschichte versagt haben oder hier und jetzt versagen. Und sie hilft außerdem dabei zu lernen den inhaltlichen Konflikt zurückzustellen, um zunächst über die FORM zu klären, ob sie dafür geeignet ist, diesen Konflikt für das System sinnstiftend und problemlösend zu führen oder ob nicht die FORM bereits zeigt, dass wir auf diese Weise nur weitere Ressourcen verschwenden und verhindern, die wichtigen Überlebensaufgaben zu bearbeiten, die uns Metakrisen vor die Tür stellen.


Hierüber können viele Vorurteile über systemisches Arbeiten ausgeräumt werden und Mensch und Gesellschaft lernen sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. So können Modell und Methode ihren Beitrag leisten, in den Katastrophen, die mit Klimakrise, Verlust der Biodiversität, Wirtschaftskrise und planetarer Umweltzerstörung kommen, kühlen Kopf zu bewahren und systemische Analysen hoher Qualität zu liefern und Kommunikation so zu orientieren, dass verständigungsorientiertes Miteinander ermöglicht wird. Da beide, Modell und Methode, vom Kern her sehr leicht zu begreifen sind, eignen sie sich auch für Bildungsprojekte in Organisation und Gesellschaft und emanzipieren so Menschen von schlechten Programmen, die immer nur wieder dieselben Fehler wiederholen. Gleichzeitig sind sie komplex genug, komplexe Systeme zu modellieren, da sie sich auf universelle Merkmale komplexer lebender Entscheidungssysteme konzentrieren und stützen und dann mit artifiziellen Emulationen (Peyn G., 2018, How does System function/operate) arbeiten, die am Experiment zeigen und überprüfen, ob unsere Analyse stimmt.


 


1. Orientierungsbegriffe


 


Metakrise → Krise sortiert sich und andere/weitere Krisen und wirkt sich auf unterschiedliche Subsysteme von Psyche und Gesellschaft aus.


Wir können nicht entscheiden, was sich zu Metakrisen entwickelt. Es gibt kein ontisches Kriterium, das zu beurteilen. Es handelt sich bei „Metakrise“ um einen Vorschlag für Beobachter, was als „Metakrise“ bezeichnet werden soll.


Metakrise bedeutet ebenfalls nicht, dass wir sie abgeschaltet haben, wenn wir alle anderen, unserer Ansicht nach mit ihr verbundenen, Krisen bewältigt haben.


Am Ende können wir nicht sagen, was sich genau zur Metakrise entwickelt: der Schnupfen des Einzelnen, der Schmetterlingsschlag in Tokio ... Wir können nur sagen: „Jetzt sehe ich, dass sich da eine Krise gebildet hat, und die möchte ich nun als Metakrise besprechen, da ich beobachten kann, dass sich unterschiedliche Subsysteme mit ihrer Lösung beschäftigen.“ Um der Komplexität des Phänomens noch deutlicher gerecht zu werden: Jede Metakrise birgt die Gefahr, weitere Metakrisen anzustoßen.


Metakrisen fordern multiresiliente (Fathi, 2020, Multi-Resilience) Individuen und Gesellschaften heraus – Individuen und Gesellschaften, die lernen, mit mehreren Krisen gleichzeitig umzugehen, denn in dem Augenblick, in dem unterschiedliche Sub- oder Funktionssysteme auf Krise(n) antworten, formen sie eigene Krisen, von denen wiederum Individuum und Gesellschaft betroffen sein können, beziehungsweise darauf antworten möchten.


Wirklichkeitsemulation → Emergenz (emergente Ära) aus Algorithmisierung, Digitalisierung, Globalisierung und Vernetzung.


Emulation → Rekonstruktion eines Systems in einem System.


Emergenz → Fortführen der Komplexität auf einer anderen Ebene.


Komplexität → Relationiere einige, aber nicht alle Elemente.



Der Versuch unsere heutigen hochtechnologisierten Gesellschaften als „digitalisierte Gesellschaften“, „nächste Gesellschaft“, „Digitalisierung“ ... zu bezeichnen, wird der Emergenz, in die wir eingetreten sind, nicht gerecht. Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit emuliert Mensch Wirklichkeit gemeinsam mit Maschinen (Peyn G., 2018, Wirklichkeitsemulation - zum Begriff). Die hieraus entstehende Komplexität des Selbstorganisierens von Individuum und Gesellschaft rhythmisiert sich in neue Herausforderungen (wie beispielsweise neue Verschwörungsideologien), die Metakrisen zu bewältigen erschweren, weil sie Energien verbrauchen, die dringend dafür benötigt werden, die umfassenden Krisen von heute und morgen zu bewältigen.


Nennen wir die heutigen gesellschaftlichen Versuche nur „Digitialisierung“, werden wir weder postmodernem Whataboutism gerecht, noch lassen sich damit auf den Punkt die Probleme greifen, die aus der Emergenz entstehen. Für emergente Gesellschaften braucht es emergente Antworten, und der erste Schritt ist zu begreifen, aus welcher Ära Organisationsformen, Selbstbeschreibungen und Problemlösungen kommen, um entscheiden zu können, ob sie der Emergenz gerecht werden können oder nicht.


Funktion von Krise → Restrukturierung (des Systems) zwecks Anpassung und um Optimierung zu initiieren.


Krisen stellen Rationalität und Irrationalität von Verhalten von Systemen in Frage. Besonders dann kann auffallen, dass manche Verhaltensweisen als irrational bezeichnet werden, die aus anderer Perspektive normal aussehen – wie beispielsweise das Verhalten von Autisten, deren kognitiv-funktionelle Leistung heute von vielen technologisch ausgerichteten Organisationen eingefordert werden, weil sie ihren Wert erkennen, da Krise und Technologie das ermöglichen.


Autopoiese → System erschafft sich selbst, erhält sich selbst, organisiert sich selbst.


Stehen für Metakrisen in Emergenz noch keine funktionalen Programme zur Verfügung, beziehungsweise müssen diese erst erarbeitet werden, kann es zu Systemübergriffigkeiten kommen, in denen beispielsweise mit psychologischen Modellen und Methoden auf soziale Probleme zuzugreifen versucht wird, weil die Betreffenden nicht wissen, wie autopoietische Systeme funktionieren oder weil sie im guten Glauben ihren ideologischen Impulsen folgen. Dabei entstehen Visionen und „Purpose-“Programme, die bereits in der Vergangenheit nicht funktioniert haben und von denen die Beteiligten ohne jeden vernünftigen Ansatz eines Beweises allein deshalb glauben, dass es diesmal funktionieren wird, weil sie diejenigen sind, die es gedacht haben.


Wenn außerdem Wirklichkeitsemulation die Krise einpreist, entschärft sie die Funktion der Krise. „Krisen“ degenerieren zu Ziel des jeweils aktuellen und Absprungpunkt in den jeweils nächsten mehr oder weniger redundanten Operationszyklus. Sie werden zur Gewohnheit und können zwecks Motivation schneller aufeinander folgen, ohne zu große Schwierigkeiten zu produzieren. Das Problem jedoch besteht darin, dass sich System so für die wirkliche Krise, die jetzt noch außerhalb seines Erfahrungshorizontes liegt und gerade deshalb seinen Fortbestand gefährden kann, desensibilisert. In solchen Fällen neigen Gesellschaften ohne tiefere FORMale Reflexionsmöglichkeit ihrer Kommunikation dazu, Hinweise auf das, was jetzt noch im Opaken liegt, wie Vieles andere auch auf Beziehungs- statt auf Sachebene zu diskutieren – ein Phänomen, das in Wirklichkeitsemulation kommunikative Tsunamis in den Social Media erzeugen kann, die drohen, Individuum, Organisation und Gesellschaft zu verschlingen.


Gewohnt, die Krise einzupreisen und zu glauben, Krisen seien damit im Bereich des Abarbeitbaren angekommen, ja würden bereits einkalkuliert, kann über Jahrzehnte wie im Beispiel der Klimakatastrophe ganze Gesellschaften davon abbringen sich damit zu beschäftigen und den kommenden Katastrophen vorzugreifen.


Kommunikation → (dreifache) Selektion aus Meinen|Mitteilen|Verstehen



Kommunikations-, bzw. gesellschaftliche Systeme müssen klar von psychischen Systemen unterschieden werden. Nehmen wir die Theorie Sozialer Systeme (Luhmann, 1987, Soziale Systeme) ernst und akzeptieren wir nicht nur Autopoiese sozialer, sondern auch psychischer Systeme, heißt das, wir müssen bereits auf Elementebene unterscheiden.


Soziale Systeme kommunizieren, psychische Systeme denken/vorstellen.


Versuchen wir mit Methoden, die für psychische Systeme konstruiert wurden, in soziale Systeme einzugreifen, greifen wir buchstäblich ins Leere. Der Versuch mag keinen Schaden anrichten, er mag sogar über Umweltveränderung (Bewusstseinsveränderung) das soziale System dazu anregen sich anders zu organisieren, aber Umwelten können nicht in Systeme eingreifen, sie können sie nicht manipulieren, nur Organisationsvorschläge machen. Damit es im sozialen System wirksam wird, müssen wir kommunizieren, und was das Sozialsystem anschließend damit macht, (re)organisiert das Sozialsystem. So wurden beispielsweise bislang in der Geschichte der Menschheit ausnahmslos alle uns bekannten Vorschläge Einzelner liebevoller miteinander umzugehen sozial ideologisiert – mit schrecklichen Folgen wie Genoziden, Kriegen, Umweltzerstörung, Ausbeutung und Tierquälerei.


Psychen können soziale Systeme nicht informieren. Systeme können sich nur selbst informieren. Was sie mit dem machen, was an die Grenze ihrer Semiosphäre stößt, darüber hat/haben der- und diejenigen, die die Anregung versuchen, keinerlei direkte Einflussmacht.


Information → Ereignis das Systemzustände selegiert. (Peyn G., 2018, Information)


Wir arbeiten mit einem nach Luhmanns Vorschlag modifizierten Kommunikationsbegriff, der auch formal berücksichtigt, dass sich Systeme nur selbst informieren, denn nur System entscheidet (mit Systemänderung), was es als Information interpretiert und verwertet und was nicht. Wir können Information nicht (in andere) System(e) hineinproduzieren. Kein System kann ein anderes informieren, kein autopoietisches System kann die Selbstorganisation eines anderen autopoietischen Systems kurzschließen. Und wir können bei keiner Kommunikation vorherbestimmen, ob sich System (mit einschließlichem Oder) an Meinen, Mitteilen oder Verstehen informiert.


 


2. Vorüberlegungen


 


Nicht nur Organisationsdesign und Politik, auch die in den Social Media regen Individuen bemühen sich um Antworten auf die großen Krisen von heute. Gehen wir jetzt ein paar typische Probleme durch, die zeigen, dass, wie und warum heutige Bildung für heutige Metakrisen und Katastrophen nicht (mehr) funktioniert, damit klar werden kann, warum grundlegender Wandel nötig ist. Wir haben nur noch begrenzt Zeit, parallel gehen uns die fossilen Brennstoffe aus, während außerdem noch die Weltbevölkerung in einem Tempo wächst, das wieder mit neuen Herausforderungen kommt. Allein diese Drei zusammen bringen emergente Probleme hervor, für die zu weiten Teilen gilt, dass wir noch gar nicht sagen können, was das alles für uns im Detail mitbringt. Im Groben aber können wir dazu sagen: Die Antworten von gestern und heute sind oft sogar noch Teil des Problems und nicht der Lösung.


 


Beispiele:


Emotionalität und/oder Rationalität


Viele psychologische (und sich, da dysfunktional, notgedrungen auch immer wieder sozial ideologisierende) Ansätze bemühen sich um den sozialen Versuch und müssen langfristig scheitern, weil sie Systemgrenze nicht respektieren.


Dasselbe gilt für das Bemühen Systemveränderung (Social Change) über psychotherapeutische Arbeit anzuregen und dabei beispielsweise den alten Versuch rationales und emotionales Denken hart zu unterscheiden, in spirituelle Ansätze zu überführen.


Wichtig ist hierbei festzuhalten, dass Emotionalität als evolutionäres Programm nicht das überlegene Programm ist und nicht gewährleisten kann, dass Überleben dadurch gesicherter ist als durch Rationalität. Nehmen wir die durch mechanistisches Denken verursachte harte Trennung zwischen Rationalität und Emotionalität, ihr Funktionieren und ihre individuellen und gesellschaftlichen Leistungen betreffend, mal wieder heraus, stellen wir fest, dass beide ihre Berechtigung haben und es darauf ankommt, was sie für uns tun können.


Emotionalität, als das evolutionär ältere Programm, wirkt schneller, aber Rationalität muss ebenfalls als evolutionäre Errungenschaft betrachtet werden, dysfunktionale Reaktionen von Emotionalität auszuschalten und neue, andere, bessere Problemlösungsansätze und Weltbeschreibungen hervorzubringen.


Für Sportler und Schachspieler ist mit hohen Intensitäten zu arbeiten wichtig. Sie garantieren Leistungsverbesserung und Gewinn. Dort spielt Emotionalität eine wichtige Rolle, aber evolutionär betrachtet hat Rationalität die Funktion, Emotionalität eine Grenze zu setzen, um die nächst mögliche Verhaltensweise zu überdenken, um nicht einfach nur von dem einen Löwen in Richtung des anderen Löwen getrieben zu werden, der einen dann frisst.


Affektkontrolle ist wichtig – emotionalen Ausdruck aus spirituellen oder pseudopsychologischen Gründen zu unterdrücken, weil das angeblich den besseren Menschen macht, nicht.


Wer Emotionalität zum neuen Glaubenssatz erklärt, muss sich den Vorwurf evolutionär ältere Programme aufrufen zu wollen, um der Emergenz zu begegnen, auch dann gefallen lassen, wenn in der Vergangenheit beschränkte Vorstellungen von Rationalität funktionaler Emotionalität keinen Raum gelassen haben. Der Versuch hier mit Begriffen wie „transrational“ zu arbeiten, ist einfach nur ein Taschenspielertrick.


Wer aber umgekehrt nicht mehr bereit dazu ist, authentisches Bewegen und gesunden Selbstausdruck in emotionalen Reaktionen zu sehen und sich vorstellt, der „erleuchtete Mensch“ ist immer und überall harmonisch ausgeglichen, muss sich erklären lassen, dass Homöostase für Menschen nur im Tod funktioniert, sie sind keine Teetassen, in die man Milch hineinkippen kann, die sich dann gleichmäßig ausbreitet. Menschliche Kognition und menschliche Kommunikation funktionieren beide autopoietisch und lassen sich beide als komplexe Entscheidungssysteme FORMenlogisch untersuchen, und damit können wir feststellen, welche Ansätze funktionieren und welche nicht, bzw. an welchen FORMen sich System wie ausdifferenziert und ob diese dann unseren Erwartungen entsprechen.


Der psychologische Ansatz sozialer Änderung wirkt deshalb selbstbestärkend, weil sich das Individuum nun mal für das Individuum und andere Menschen interessiert. Er kann bereits so überblenden, dass übersehen wird, dass auch mit ihm systemischer Wandel auf gesellschaftlicher Ebene höchstens angeregt werden kann, dass aber auf keinen Fall damit entschieden wird, was Gesellschaft damit macht – und mit Blick in die Geschichte stellen wir fest, dass bislang ausnahmslos alle gesellschaftlich relevant gewordenen psychologischen, individuellen, menschlich-spirituell ausgerichteten Versuche ideologisiert wurden.


 


Geschützte Räume


In Organisationsdesign wird darüber gesprochen, dass geschützte Kommunikationsräume geschaffen werden, in denen konstruktives Zuhören und Kommunikation in der Erwartung möglich werden sollen, dass diese dann Komplexitätsmanagementfähigkeiten steigern. Das ist ein Glaubenssatz, der sich so nicht bestätigen lässt. Das Problem hierbei ist, dass durch diese Form kommunikativer Gleichschaltung individualperspektivischer Biss verloren geht. Dasselbe gilt für das ruhige „Ich möchte dir jetzt mal zuhören“ als angeblich konstruktive und darüber generalisierte Methode. Wer mit FORMenlogik rein auf Verstehen ausgerichtete Kommunikationssysteme untersucht stellt fest: Sie bringen Monotonie hervor.


Menschen müssen nicht lernen, dass man ihnen mal eben so zuhört und dass man das in Ruhe und im geschützten Raum machen kann. Was Menschen lernen müssen, ist, dass sie Schwierigkeiten haben, aus ihrer eigenen Perspektive rauszukommen. Sie können nicht aus sich selbst rausspringen, sie können nicht aus ihrer eigenen Haut raus, und sie können auch nicht erwarten, dass sie immer am besten aus dem System springen. Und deshalb ist die Perspektive des Anderen für sie wichtig, denn es gibt keinen, der das besser kann als der oder die Andere/n.


Erst an meiner eigenen Unruhe erkenne ich das Andere.


Menschen streiten sich über ihre Perspektiven, weil sie unterschiedlich sind, und dann wollen sie die anderen Perspektiven nicht mehr hören, und dann brauchen sie plötzlich eine Beruhigung, um die Perspektive des Anderen zu hören. Das Problem ist, dass das, was an der Perspektive des Anderen wichtig ist, sehr beunruhigend wirkt, und das bekommst du in ruhigen Räumen nicht mit, weil du eine künstliche Situation schaffst, die es wieder für dich vereinfacht, das zu begreifen, aber du bist dann wieder sofort dabei, das wieder darauf zu adaptieren, was du sowieso schon kennst.


Was die Menschen eher brauchen, ist nicht, dass wir uns mal ruhig beim Tee zusammen setzen, sondern sie brauchen das grundlegende Verständnis, dass sie ohne den Anderen in ihrer eigenen Perspektive gefangen sind und sie in keiner Hinsicht gewährleisten können, dass ihre eigene Perspektive die richtige ist. Wird der Tee zur Voraussetzung für Perspektivoffenheit, taugt die Methode nicht fürs Leben.


 


Glaube statt wissenschaftlicher Methode – reflektieren wir Religion


Im Kontext der Corona-Diskussion, aber auch in heutigem Organisationsdesign, in Beratung, Coaching und der Diskussion krisenfunktionaler Bildungssysteme lässt sich beobachten, wie schwierig für Viele wissenschaftliches Denken ist. Glaubenssysteme ersetzen im postmodernen Kontingenzraum wissenschaftliche, weshalb wir über Religion sprechen müssen.


Wenn wir Religion schon aufgreifen, sollten wir berücksichtigen, dass eine der wichtigen Funktionen von Religion darin besteht, eine Rückbindung derart zu erzeugen, dass Versicherung darüber entsteht, dass das, was kommt, in Konsequenz aus dem Vergangenen auf irgend eine Art und Weise zu was Positivem wird. Religion versucht immer, die eigene Geschichte, die Rückbindung, die Tradition, die Vorfahren und so weiter mit dem kommenden Unbekannten so auf eine Art und Weise zu versöhnen, dass das Unbekannte bewältigt werden kann.


Religion versucht auch, Formen von Ungewissheit aufzugreifen und mit Hilfe von Ritualen abzudämpfen/abzuschaffen, um dafür zu sorgen, dass die Menschen keine Angst mehr vor dem Ungewissen haben. Der Punkt ist aber, dass Religion nicht sicherstellen kann, dass das Ungewisse auch bewältigt werden wird. Es kann vielleicht dabei behilflich sein, dass die Angst abgeschafft wird. Das gilt auch für Organisation. Das bedeutet aber nicht, dass es eine Gewährleistung gibt, dass religiös motiviertes Verhalten zu einer besseren Zukunft führt. Das ist ein Versprechen, das viele Religionen abgeben. Das entspricht aber nicht den Tatsachen. Religion versucht dafür zu sorgen, dass es keine Massenhysterien gibt, die zu selbstdestruktiven Verhaltensweisen führen.


Gerade in Metakrisen wird die Frage wichtig, wie sich Menschen verhalten und wie wir menschliches Kommunizieren abbilden können. Wir können an dem Verhalten von Menschen beobachten, dass vielenteils Abwehrreaktionen kommen, die wir bereits aus alten Krankheitskrisen kennen:


Viele denken, dass, wenn sie brauchbare Menschen sind oder überlebens-, bzw. leistungsfähige Menschen, dann sind sie nicht verwundbar. Deshalb müssen wir über Glaubenssätze und Religion auch dort sprechen, wo Menschen denken, sie analysieren rational. Früher haben Viele geglaubt, dass wenn sie sich an Gott halten, dann wird Gott sie mit dieser Krankheit nicht strafen. Heute wissen wir (oder könnten es zumindest wissen), dass Gott uns nicht mit Krankheiten straft, sondern dass diese Krankheiten durch Mikroorganismen verursacht werden. Aber, obwohl wir das wissen, gehen immer noch Viele so damit um, als wären sie diesen Mikroorganismen gegenüber immun, weil sie denken, dass ihr geistiges, körperliches oder Sozialverhalten sie davor schützt.


Konfrontiert mit einer Pandemie, glauben sie plötzlich nicht mehr, dass die Erkenntnisse aus moderner medizinischer Forschung funktionieren und setzen Glaubensmodelle an ihre Stelle wie beispielsweise das, dass die Tatsache, dass sie heute schon einkaufen waren und sich nicht angesteckt haben, beweist, dass ihnen nichts passieren wird, wenn sie noch ein zweites Mal losfahren, um etwas zu holen.


Der heutige Mensch wird durch Technologien getragen, die andere entwickelt haben, um mit den Krankheiten umzugehen – Menschen, die klüger sind als die breite Masse - , aber selbst viele der heutigen Menschen, die das eigentlich wissen müssten, verhalten sich noch ähnlich jenen von vor 500 Jahren. Was das angeht, haben sich Viele nicht geändert, und das ist ein Problem, das aufgefangen werden muss.


Gerade bei den Krankheiten, mit denen wir es zu tun haben, müssen die Menschen erkennen, dass die Krankheit keine Sache ist, die von außen an sie herangetragen wird, sondern dass wir die Krankheiten selbst hervorbringen. Die Funktion des Individuums für die Krankheit wird von Vielen ausgeblendet: Sie sind Wirtskörper, Verbreiter dieser Krankheit. So war es auch mit der Pest, dass Menschen, die davon befallen waren, absichtlich in die Öffentlichkeit gegangen sind, um sich beispielsweise zu rächen oder aus anderen Gründen – um andere anzustecken oder einfach zu ignorieren, was die Krankheit tut, weil man bislang von ihr nicht befallen war und daraus schließt immun zu sein – oder von Gott gesegnet.


Der Gedanke, dass wir selbst diejenigen sind, die diese Krankheit züchten, ist noch nicht wirklich in die breitere Bevölkerung vorgedrungen. Wir sind ursächlich dafür, dass sie weiteren Nährboden findet. Das ist bei vielen Krankheiten der Fall, und da das Problem meist politisch verstrickt ist, denken Viele, sie könnten die ganze Angelegenheit am Verhandlungstisch ausdiskutieren, während sie selbst, ohne weiter Symptome zu zeigen, zum Überträger für andere werden. Die Krankheit befällt uns als Gesamtmenschheit, während sich das Individuum nicht in dieser Situation sieht, weil die Meisten genau dieses Problem nicht begreifen, dass sie mit oder ohne Symptom Teil des Geschehens sind.


Das liegt einerseits an einer zutiefst fremdreferenziellen Perspektive: „Ich habe ja eigentlich nichts damit zu tun, ich bin ja nur davon befallen“, aber sie sind, sobald sie befallen sind, Bestandteil der Krankheit und müssten deshalb besonders vorsichtig sein, wenn sie keine Symptome zeigen. Das fällt Vielen schwer zu begreifen, aber Menschen müssen lernen so umzudenken, dass sie das erkennen können.


Und nun kommt noch ein weiteres Problem oben drauf, und das sind die gewaltigen Menschenmassen, die mittlerweile unseren Planeten bevölkern und was für Auswirkungen das haben kann, wenn jeder denkt „Ich werde ja nicht krank, mich betrifft das ja nicht, ich verhalte mich vollkommen ordentlich!“ Wenn so etwas passiert, sind das im schlimmsten Fall mehr als 7 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Die Auswirkungen dieser großen Zahl, die Wechselwirkung der ganzen Interaktion, die können sich die Meisten gar nicht vorstellen, weil sie immer noch in einem geistigen Dorf leben.


Was hier passieren muss, und wozu „Systemische Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten“ einen Beitrag leisten kann, ist, dass Menschen aufhören, in ihrem illusorischen Isolationismus zu leben und zu denken „Ich mache hier alles richtig, und wenn jeder es so macht wie ich, kann schon nichts schief gehen!“, denn das stimmt nicht. Selbst wenn sie „alles“ richtig machen würden (was sie weder tun, noch dass das möglich wäre), kann eine ganze Masse dabei schiefgehen, aber Viele wehren sich dagegen, dafür Perspektiven zu entwickeln, weil diese heute unzulängliche Auseinandersetzung mit dieser Komplexität ein evolutionär eingebauter Schutzmechanismus ist.


 


Evolution und Multiperspektivität


Genau genommen ist bereits falsch anzunehmen, die eigene Perspektive sei die richtige. Wäre das evolutionär funktional, würde es nur einen oder wenige Menschen auf diesem Planeten geben und nicht die Menschheit. Hätte Evolution das ergeben, wir kämen mit einer, fünf oder zehn Perspektiven aus.


Es ist aber Multiperspektivität der unterschiedlichen Lebewesen, was die Menschheit – heute nun teilweise zum Nachteil des Rests der Welt – so überlebensfähig macht.


Was Menschen jetzt lernen müssen, ist, dass sie als Menschheit zu ihrem eigenen Problem werden und dass sie die Perspektive des Anderen benötigen, um über diese Problemlage hinauszuwachsen. Und wenn wir das haben, dann brauchen wir eigentlich keine geschützten Räume, die wir sowieso nicht schützen oder gestalten können, sondern höchstens über sie reden, denn Komplexität lässt sich nicht einsperren, und dasselbe gilt für Konflikte, für Tratsch, Klatsch, Gerüchte usw. Mehr noch, laden geschützte Räume zu emotional grenzverletzenden Projektionen ein, deren Konsequenzen weit über das hinaus gehen, was solche Räume zu tragen vermögen.


Was Menschen aber brauchen, ist klare Einsicht dessen dass schon der Versuch, sich vor der Perspektive des Anderen zu schützen und sie nicht hören zu wollen, nicht funktionieren kann. Sicherlich gibt es nutzlose oder dumme Perspektiven, und wir müssen nicht alles akzeptieren, aber weder können wir daraus schließen, dass alles, was wir nutzlos und dumm finden, auch nutzlos und dumm funktioniert, noch können wir aus der Erkenntnis, dass wir andere Perspektiven zum Überleben brauchen, schließen, wir bräuchten alle.


Die Idee des geschützten Raums ist, der Perspektive des Anderen tatsächlich auch Raum zu geben, aber das Problem dabei ist, dass das bereits das Environment verändert, die Unruhe ist dadurch weg, die Reibung. Das, was das Ganze interessant macht, das verschwindet durch „jetzt hören wir uns mal alle fein zu.“ Genau das ist das, was wir in normalen, alltäglichen und erst recht Krisensituationen nicht können. Deshalb brauchen Menschen Verständnis dafür, wieso sie es in jeder Situation machen sollten.


Viele Eltern lassen sich nicht von ihren Kindern kritisieren. Sie tun das nicht nur deswegen, weil die Kinder weniger Ahnung haben, sondern weil die Eltern auf ihren erzieherischen Anspruch pochen und es „sowieso“ besser wissen als die Kinder. Das aber ist vielenteils nicht der Fall. So gehen Viele nicht nur mit ihren Kindern, sondern auch mit anderen Menschen um, die unter ihnen stehen, über ihnen und so weiter, und das ist hier das Problem:


Die Menschen müssen grundlegend begreifen, dass sie ihren eigenen Hinterkopf nicht sehen können.


Dafür brauchen sie irgend eine Art von Spiegel. Bei komplexeren Problemen reicht ein visueller Spiegel nicht aus, sondern wir brauchen die Perspektive anderer Leute. Und wir brauchen sie nicht nur als Störungen, sondern sie sind überlebenswichtig. Daher muss die Motivation kommen, den Anderen zuzuhören.


Aber, da muss noch was wichtiges folgen: Nicht nur dem Anderen zuzuhören, sondern auch den Anderen dazu zu provozieren, seine Perspektive so zu elaborieren, dass ich sie begreifen kann und dass das für mich auch problematisch wird.


Exakt das sind Sachen, die in geschützten Räumen nicht funktionieren werden. Da muss man sich auf eine bestimmte Art und Weise benehmen. Da bilden sich Benimmregeln heraus. Und diese Benimmregeln werden bei den betroffenen Menschen wieder dazu führen, dass sie sich gegenseitig nur Sachen erzählen, die sie sowieso schon wissen. Dann bilden sie darüber einen Konsens, den keiner braucht, und gehen aus dem Raum wieder raus und machen – nach einer kleinen Pause vielleicht – so weiter wie zuvor (oder schlimmer).


Geschützte Räume ergeben Sinn, wenn es um Therapie oder Opferschutz geht. Wer mit Burnout kämpft und nichts mehr geregelt bekommt, der muss wissen, dass er entsprechend behandelt wird. Für so Betroffene ist es ein Problem, mit zu vielen weiteren Perspektiven konfrontiert zu werden. Das ist nachvollziehbar. Aber, das ist eine Situation, die sich nicht dauernd so abspielen sollte, und bewältigen können Menschen das eben dadurch, dass sie aus sich die Motivation heraus entwickeln, den Anderen dazu zu benutzen, um über sich selbst hinauszuwachsen.


 


Wir sind die Metakrise!


Die Illusion, die wir uns von der Welt schaffen, die sich evolutionär entwickelt hat, ist eine Illusion, die für die Menschen bislang ganz gut funktioniert hat. Nur wir haben jetzt eine andere Größenordnung angenommen. Menschheit ist eine Kraft auf diesem Planeten, die es vorher so nicht gegeben hat. Und das begreift der Einzelne nicht und igelt sich weiter in seine dysfunktionalen Perspektiven ein, und das löst eine Metakrise nach der nächsten aus. Vor allem das mangelnde Verständnis der Menschen dafür, dass sie als Einzelperson mit ursächlich dafür sind, dass neue große Probleme entstehen, weil sie sich wie jeder andere automatisch nach einer Blaupause verhalten.


Viele denken, dass sie jetzt gerade mit ihrem Verhalten das Rad neu erfunden haben – als wäre das etwas Neues, wenn beispielsweise ein Deutscher meint „Ich werde so nicht daran erkranken, und ich bin da immun gegen“, und ein Amerikaner meint das dann deswegen nicht? Oder ein Ungar? Das ist, was sie nicht begreifen. Denken sie, sie hätten das gerade selbst erfunden und auf die Idee ist noch kein anderer (vor ihnen) gekommen?


Wir haben Technologien geschaffen, die Menschen vor Krankheiten beschützen und tragen, aber Menschen hören deswegen nicht damit auf, individuell ursächlich für diese Krankheiten zu sein. Das konstituiert ein Problem: Wir beschützen Menschen vor Krankheiten, aber die überlebenden Individuen werden trotzdem als potenzieller Wirt für den Krankheitserreger zum Bestandteil der Krankheit. Die Überlebenden können als Nährboden der Krankheit ihr Wachstum befeuern und zur Ursache dafür werden, dass sie weiter um sich greift. Das ist in früheren Zeiten, als wir gegen gefährliche Krankheiten noch keine Heilmittel hatten, nicht passiert. Die Menschheit wurde einfach dezimiert und damit wurde die Logistik, auf die die Krankheit vorher noch zugreifen konnte, immer weiter ausgedünnt, so dass sie sich letztendlich nicht weiter ausbreiten konnte. Medikamentierung allein kann diesen Mechanismus nicht substituieren: Menschen müssen ihre Perspektive zu sich selbst und zum Anderen und zu Welt ändern.


Durch unser Prosperieren als Gesamtgesellschaft und durch ihre Größe wird es auch immer wieder passieren, dass wir neue derartige Probleme schaffen. Menschen sind allerdings nur gewohnt, mit Krisen so umzugehen, dass sie nicht sich selbst als die Krise betrachten. So sind die Weltkriege entstanden. Der Gegner war die Krise, nicht sie selbst. Und so versuchen wir seit Mitte des letzten Jahrhunderts mit Umweltverschmutzung umzugehen. Viele verstehen einfach nicht, dass sie die Umweltverschmutzung sind, nicht das Plastik, sie. Sie als Personen sind die Umweltverschmutzung, denn sie haben Plastik erfunden, sie benutzen Plastik. Sie denken, das Plastik wäre ein Fremdkörper. Aber Plastik ist ein künstliches Material, was es vor dem Menschen nie gegeben hat. Also können wir nicht sagen, dass Plastik ein Bestandteil der Welt ist, was die Welt kaputt macht. Nein, wir Menschen machen die Welt kaputt. Und das machen wir seit mehr als vierzig Jahren, und das hört nicht auf, wir werden darin nicht besser.


 


Negative Re-Entries


Wir haben es hier mit einem Problem von negativen Re-Entries zu tun: Re-Entries mit sichtbar negativen Auswirkungen. Wir produzieren neue Technologien, neue Krankheiten, neue Materialien, führen diese in das Wirtschaftssystem und in die Gesellschaft wieder ein und schaden damit unserer Umwelt. Wir brauchen aber die Umwelt, um weiter existieren zu können, und tun teilweise so, als könnten wir ohne die Umwelt leben. Aber wir vernichten die Umwelt, und wenn wir Umwelt vernichten, dann vernichten wir auch System. Dieser Re-Entry mit negativen Auswirkungen, wird von uns produziert. Was aber die evolutionäre Illusion uns irgendwie gelehrt hat ist zu versuchen, das von uns Produzierte dann als etwas Fremdreferenzielles zu betrachten. Ein Goldtaler funktioniert deswegen, weil viele Menschen irgendwann denken, der Goldtaler sei etwas außerhalb von ihnen, ein absolutes Kriterium, um wirtschaftliche Prozesse zu bewerten. Das ist er aber nicht. Wir haben Gold aus der Erde destilliert, um daraus einen Taler zu machen. Also ist es ein Produkt, das wir erzeugt haben. Aber wir haben gelernt, wenn wir das jetzt fremdreferenziell betrachten, können wir damit einen Wertmaßstab bilden. Diese Fähigkeit wird in der Zukunft zu einer Unfähigkeit, weil wir die damit konstruierten Probleme ebenfalls fremdreferenziell betrachten, was heißt, sie haben plötzlich nichts mehr mit uns zu tun. Aber mit Wachstum und Prosperieren unserer Gesellschaft werden die Probleme zunehmen.


Auch was unsere Technologien angeht, laufen wir auf Sackgassen zu: Durch Konzentration auf bedienerfreundliche Oberflächen als Reaktion auf (scheinbares?) Desinteresse an Herausforderungen einer Gesellschaft, die sich in ihr mangelndes Interesse an Herausforderungen systemisch hineinrhythmisiert, werden genau die Technologien blockiert, die dazu beitragen könnten, multiresiliente Individuen, Organisationen und Gesellschaften zu fördern. Schlussendlich führt das dazu, dass sich Wirtschaft und Technologie dort nicht mehr weiterentwickeln können, wo der Einzelne, nun in der Masse wirksam, zu dumm dafür ist, dort noch zu folgen – Technologien, die dringend benötigt werden, um den Metakrisen adäquat zu begegnen, die eben dringend auf intelligentere und komplexitätskompetentere Menschen und Gesellschaften angewiesen sind.


Was die Pandemie angeht, ist es keine Sache der Frage, wann die Pandemie vorbei ist, sondern eine Frage von „Was kommt dann?“


Das sind die selbstreferenziell produzierten Probleme der Menschheit, und sie werden immer problematischer. Der Mensch macht sich derzeit zum größten Problem auf diesem Planeten.


Aber, es gibt noch größere Probleme als den Menschen, und das sind Probleme, die die Erde hervorbringen wird, und das unweigerlich: wie Supervulkane, Klimakatastrophen ... oder aus dem All kommende Asteroiden, die in absehbarer Zeit auf der Erde einschlagen werden. ELE (Extinction Level Event) ist keine Frage des Ob, sondern des Wann, und wir verschwenden unsere Zeit damit, dass wir unsere eigenen Probleme nicht lösen und uns genau darauf nicht vorbereiten. Solches Fehlverhalten wird uns ausrotten, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Und auch das scheinen Viele nicht zu begreifen. Sie denken, es wird nicht passieren oder es betrifft sie nicht oder ist nur eine spannende Erzählung kurz vor dem Abendessen oder das passiert ja erst in Tausend Jahren. Viele katastrophale Phänomene sind jedoch überfällig. Sie hätten schon längst passieren können. Wir vergeuden wertvolle Ressourcen, während wir uns nicht auf sie vorbereiten und darüber streiten, wie sich diese Nation zu jener Nation positionieren will, und täglich in den (Sozial) Media die nächste Sau durchs Dorf jagen, als hätten wir dafür Zeit.


 


3. Systemische Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten


 


Praktische Arbeit mit den FORMen


Krisenfunktionale Kommunikationsanalyse mit Hilfe von FORMenlogik kann dabei helfen, dass sich Organisationsdesign, Individuum und Gesellschaft adäquate Vorstellungen von Kommunikationsystemdifferenzierung und Ausrichtung der KommunikationsFORM machen, um durch einfache Änderungen der FORM systemische Änderung und damit sozialen Wandel zu orientieren, Konflikte kreativ zu nutzen, Zusammenarbeit effizienter zu gestalten, Krisen verständigungsorientiert zu bewältigen.


 


Beginnen wir:


Zum besseren Verständnis empfehlen wir Download des Arbeitspapers “Communication – Reorganization of Undetermined” auf Deutsch “Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten”, auf Englisch hier: https://uformiform.info/en/downloads


und über den selben Link Download von “uFORM iFORM” (englische Ausgabe) für alle notwendigen Hintergrundkalkulationen und ein tiefes Verständnis dafür, wie die so genannten “SelFis”, die artifiziellen Emulationen der FORM, gewonnen werden. Die deutsche Ausgabe ist bei Carl Auer Verlag, Deutschland, erhältlich. Für einen ersten Einblick ist nicht notwendig, gleich den gesamten Kalkül durchdrungen zu haben. Doch es ist sinnvoll, sich nach und nach einzuarbeiten, um zu begreifen, wie einfache und (komplexe) Re-entry-FORMen funktionieren und wie uFORM iFORM funktionale Systemanalyse ermöglicht.


Für erstes Nachvollziehen wie “Communication – Reorganization of Undetermined” aufgebaut ist, reicht, das Arbeitspaper zusammen mit den hier vorgestellten Beispielen zu lesen und sich selbst Gedanken darüber zu machen, auf welche Alltagskommunikationen, aber auch komplexere Zusammenhänge in beispielsweise den Social Media die KommunikationsFORMen und ihre Kombinationen passen und mit welchen Veränderungen der FORM wir welche neuen Systeme erhalten.


 


Kommunikation bedeutet Unbestimmte zu reorganisieren.


An Kommunikation sind zwei alternierende Rollen beteiligt, die wir Menschen, Personengruppen, Organisationen, aber auch Kommunikationssystemen selbst zuweisen können, ohne genau spezifizieren zu können, wer oder was (Maschinen) genau daran beteiligt ist.


Diese Rollen nennen wir Ego und Alter. Ego versteht, Alter teilt mit. Ego interpretiert Alters Verhalten als Mitteilungsverhalten und unterstellt Alter ein Meinen. So entscheidet Ego über das Zustandekommen von Kommunikation. Kommunikation kann sogar passieren, wenn Alter gar nicht das getan hat, was Ego denkt, was Alter getan hat, sondern etwas ganz anderes oder sogar gar nichts. (Peyn G., 2018, Kommunikation)


Wenn ein Politiker etwas gesagt hat, kann ein verzerrender Bruchteil seiner Aussage Shitstorms lostreten, in denen sich Kommunikation nonlokal organisiert, ohne dass wir noch genau sagen könnten, wer genau sich auf was genau bezieht. Ihr können Polarisierungen folgen, die mit der eigentlichen Aussage rein gar nichts mehr zu tun haben, die jedoch von bereits laufenden Kommunikationssystemen als Information im Kontext ihrer bereits laufenden Themen zur Selbstorganisation verwertet werden – wie es sehr häufig im Zusammenhang mit der in den Social Media oft dominierenden Polarisierung “rechts/links” passiert.


KommunikationsFORMen haben keinen moralischen Wert an sich. Wir können auch nicht sagen, ob diese oder jene FORM oder Kombination aus FORMen an sich “besser” ist als andere. Ihre Funktionalität hängt von ihrem Kontext ab und davon, was die Beteiligten daraus machen. Aber, wir können über jede FORM sagen, in welchem Rahmen, nach welcher Selbstrhythmisierung sie sich ausdifferenzieren wird, und so können wir im jeweiligen Kontext ihre Funktionalität bestimmen. Symmetrische Konflikte zum Beispiel, die sich dadurch kennzeichnen, dass die Beteiligten jeweils nicht auf das Meinen des/der jeweils Anderen achten und die nicht einmal den Re-Entry der FORM vornehmen (also die FORM nicht resoniert), sondern die immer nur wieder wechselseitig versuchen einen Platz einzunehmen, den nur Einer einnehmen kann, fragmentieren sich immer nur immer weiter und bringen keine kreativen Konflikte hervor, solange sich die FORM nicht ändert, beziehungsweise solange die Beteiligten keine FORMänderung organisieren. (Peyn G., 2017, Symmetrische Konflikte. Peyn G., 2020, Konfliktdynamiken) Das bedeutet nicht, dass Symmetrische Konflikte keine kreative Aufgabe in Gesellschaft erfüllen könnten oder dass sie keinen Spaß machen.


Wir müssen uns genauer ansehen, wie Situation und Beteiligte beschaffen sind, worauf sie ihren Fokus legen, welche Kontexte sie beachten und was sie erwarten, und dann müssen wir uns genauer ansehen, welche Erwartungen aus Richtung Umwelt an das jeweilige System gestellt werden. Daraus lässt sich die Funktion des jeweiligen sozialen Systems, der Gruppe, des Teams, der Organisation für das umlagernde System (letzten Endes Gesellschaft) ableiten, und aus den jeweiligen Zielkontexten können wir dann schließen, welche KommunikationsFORM in welcher Situation für welches System passt.


Was Umwelten angeht: Systeme können (ihre) Umwelt nur als interne Umwelt abbilden. Alles, was sie über Umwelt wissen, wissen sie in ihrem eigenen Zeichenuniversum. Was auch immer aus Umwelt an Systemgrenze stößt, kann von System nur als Systemelement (weiter)verarbeitet werden.


Alle komplexen Entscheidungssysteme wie menschliche Kognition und Kommunikation lassen sich über uFORM iFORM mit 4 Werten modellieren:


Sie reorganisieren komplexe Re-entry-FORMen aus markierten FORMen, leeren FORMen, imaginären FORMen und unbestimmten FORMen.


Kombinationen verschiedener FORMen von Kommunikation können veranschaulichen, wie Kommunikation entsteht, prozessiert und interpretiert werden kann.


Wir nehmen hierfür die oben aufgeführte Referenz von Kommunikation mit:


(dreifache) Selektion aus Meinen|Mitteilen|Verstehen, bilden sie als komplexe Re-entry-FORM, ab und sehen uns die sechs unterschiedlichen Kombinationen an.


 


Bitte folgende Notation berücksichtigen:


Im Deutschen steht M für “Meinen”, ! Für “Mitteilen” und V für “Verstehen”. In der englischen Variante von “Communication – Reorganization of Undetermined” haben wir diese Notation in den Grafiken beibehalten. Damit steht dort M für “Deeming”, ! für “Telling” und V für “Understanding”.


Ebenfalls beibehalten wurde das “U” für “Unbestimmtheit”, so dass wir durchgängig “Undetermined” und nicht “Indetermined” schreiben und auf diese Weise die Besonderheit des Begriffes betonen, denn das Unbestimmte hat in uFORM iFORM konkrete Bedeutung: Es handelt sich um die FORM, über die wir nicht sagen können, ob sie markiert oder leer ist und von der wir nicht wissen können, ob sie irgendwann in einem dieser beiden Zustände endet. Markieren wir Unbestimmte, imaginieren wir. Damit holen wir nicht nur Unbestimmtheit in den Kalkül und rechnen damit, sondern auch unsere Fähigkeit kreativ zu werden, zu träumen, uns etwas vorzustellen usw.


Bei Berechnung der FORMen im FORMplotter (Hofmann, 2019), in dem die artifiziellen Emulationen der FORM, die SelFis (SelfFiction) ausgegeben werden, werden die Ausgabewerte der Selbstberechnung des Systems, beziehungsweise Selbstorganisation des Systems an der FORM nach einem spezifischen, Kognition und Kommunikation nachgestellten Muster zugewiesen. (Peyn R., 2018, Kommunikation - RdU Paper).


M = Meinen, ! = Mitteilen, V = Verstehen



Die Kombinationen aus Meinen|Mitteilen|Verstehen, Reorganisation des Unbestimmten, (c)2018 Peyn, Peyn


Im FORMplotter werden einfache FORMen mit einfachen Klammern abgebildet, (komplexe) Re-entry-FORMen mit geschweiften. Die Variablen M,!,V werden mit Komma voneinander getrennt. Die Notation im FORMplotter (Hofmann, Peter 2019) der einzelnen komplexen Re-entry-FORMen, mit denen wir arbeiten zeilenweise:


{M,!,V}{M,V,!} - hier tauschen Mitteilen und Verstehen ihre Plätze, Meinen steht im Fokus.


{V,!,M}{V,M,!} - Mitteilen und Meinen tauschen ihre Plätze, Verstehen steht im Fokus.


{!,V,M}{!,M,V} – Verstehen und Meinen tauschen ihre Plätze, Mitteilen steht im Fokus


Was links steht, wird als „Fokus“ der Kommunikation gelesen im Kontext dessen, was in der Mitte steht, und was rechts steht, wird in der Umwelt erwartet.


FORM lesen wir als → Inhalt und Kontext.


Wir fokussieren etwas (Inhalt) im Kontext von etwas anderem (Kontext). Somit steht bei dieser FORM: {M,!,V} Meinen im Fokus, Mitteilen im Kontext, Verstehen wird in interner Umwelt erwartet, und, noch gründlicher gelesen, steht die innere FORM M,! im Fokus des Kontextes V.


Die (komplexe) Re-entry-FORM führt sich selbst über ihre Erwartung in sich selbst wieder ein.


In Kommunikation erwarten wir die Erwartungen des/der Anderen (interne Umwelt).


Als Bild:



Abbildung Seite 3 „Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten“ (c)2018 Peyn/Peyn


Versuchen wir zuerst eine Interpretation mit beteiligten Personen, behalten aber im Auge, dass wir Kommunikationssysteme untersuchen. Psychen befinden sich in der Umwelt von Kommunikationssystem(en) und Kommunikationssysteme und andere Psychen befinden sich in der Umwelt von Psyche.


Im ersten Fall fokussiert jemand sein eigenes Meinen im Kontext seines eigenen Mitteilungsverhaltens und erwartet in der Umwelt Verstehen. Rechts davon wird das eigene Meinen im Kontext des eigenen Verstehens fokussiert und in der Umwelt Mitteilungsverhalten erwartet.


Besonders leicht lässt sich das an der unteren FORM rechts und der FORM darüber veranschaulichen, wie so etwas gelesen werden kann:


Die FORM unten rechts ist auf ihr eigenes Mitteilungsverhalten im Kontext ihres eigenen Meinens konzentriert, sie erwartet in der Umwelt Verstehen. Solche FORMen haben Orientierungsfunktion, wie beispielsweise die eines Instruktors oder der „Sergeant Drillmaster“. Dazu passt die FORM mit Verstehen im Fokus, Meinen im Kontext des Verstehens, die in ihrer Umwelt Mitteilungsverhalten erwartet – also die genau darüber.


Es sind Zweifach-, aber auch Drei-, Vier- ... fache Kombinationen der FORMen miteinander möglich, und je nachdem, wie sie zusammengesetzt werden, beobachten wir unterschiedliche FORMen, die sich jeweils unterschiedlich ausdifferenzieren und deren artifizielle Emulationen uns etwas darüber sagen, wie sie funktionieren.


Indem wir diese FORMen und ihre Kombinationen mit Kommunikationssystemen im Alltag vergleichen, können wir darüber neue Erkenntnisse generieren und lernen, Kommunikation nach folgenden Fragen zu beobachten:


Worauf haben die beteiligten Personen(Gruppen) ihren Fokus, im Kontext von was und was erwarten sie als nächstes von/aus ihrer Umwelt?


Welche Systeme ergeben sich aus ihrer Kombination, und was können sie uns über Systeme vor Ort, Gruppen, Teams, Organisationen und Gesellschaft sagen?


Entsprechendes können wir auf Kommunikationssysteme übertragen, von Personen abstrahieren und größere, komplexere Zusammenhänge untersuchen – wie beispielsweise Bewegungen in den kommunikativen Riesenwellen in den Social Media.


Ebenso können wir mit Konfliktsystemen verfahren, ihre FORMen analysieren und sie anschließend als artifizielle Systeme emulieren, um daran Erkenntnisse über ihre Potenziale zu gewinnen.


Jedes Kommunikationssystem berechnet sich selbst. Wir untersuchen die inhärente Logik und generieren über universelle Merkmale autopoietischer Systeme die FORM. Komplexe autopoietische Systeme lassen sich nicht vorausberechnen, aber über die Analyse der FORM erfahren wir etwas über ihre Selbstrhythmisierung und somit etwas darüber, wie sich im weiteren Rahmen das entsprechende System entwickeln wird und nicht entwickeln wird.


Die FORMen emulieren wir im FORMplotter zunächst einzeln:


https://observablehq.com/@formsandlines/1d-ca-for-4-valued-form-logic-selfis


Dort werden ihre Werte nach den in uFORM iFORM und in der Artikelserie „How does System function/operate” beschriebenen Regeln berechnet, woran sie sich als selbstreferenzielle Systeme ausdifferenzieren und uns etwas über FORM und damit das jeweilige System sagen, das wir untersuchen wollen.


Beim Eingeben der FORMen und ihrer Kombinationen muss sichergestellt werden, dass der initialization mode auf “random” eingestellt ist und dass nach Plotten der FORM bei “Choose variable order” “M!V” eingestellt wird. Die Standardeinstellung steht auf “LER”, die Platzhalter “Links, Einheit, Rechts” für die Variablen Meinen, Mitteilen, Verstehen: M!V.


Hier mit Beispiel {M,!,V}{V,M,!}{!,V,M}:



Die Farben:


Blau – markiert (etwas wird bestimmt)


Schwarz – leer (da ist buchstäblich gar nichts)


Rot – unbestimmt (wir wissen nicht, was es ist)


Grün – imaginär (etwas wird sich vorgestellt)


Mit diesen vier Werten können wir die gesamte Komplexität menschlicher Kognition und Kommunikation illustrieren und sogar unklare FORMen reparieren und ins Kalkül übernehmen. (Peyn R., 2017, uFORM iFORM)


Die FORMen:


Meinen|Mitteilen|Verstehen und Verstehen|Mitteilen|Meinen


bilden beide gerade nach unten laufende Selbstrhythmisierungen, bzw. Glider aus:



{M,!,V}



{V,!,M}


Hier wurden die Positionen Links (Inhalt) und Rechts (interne Umwelterwartung) ausgetauscht.


Die FORMen:


Mitteilen|Verstehen|Meinen und Mitteilen|Meinen|Verstehen


bilden nach außen laufende Selbstrhythmisierungen, bzw. Glider aus, mit:



[!,V,M}


 



und {!,M,V}


Sie tauschen die Positionen von Kontext und Umwelterwartung.


Die FORMen:


Meinen|Verstehen|Mitteilen und Verstehen|Meinen|Mitteilen


bilden ebenfalls nach außen laufende Selbstrhythmisierungen/Glider aus mit:



{M,V,!}



und {V,M,!}


Sie tauschen die Positionen von Inhalt und Kontext.


Diese FORMen sind noch verhältnismäßig langweilig, erst in Kombination entwickelt sich Komplexität von Modell und System, doch interessant ist, dass die Art, wie sie verlaufen damit zu tun hat, wie sie hinterher in Kombination miteinander arbeiten.


Komplexes Driften und Komplexe Symmetrisierung und Asymmetrisierung:


Kombinieren wir {M,!,V}{M,V,!} (keine Leerzeichen zwischen den EinzelFORMen im FORMplotter)



erhalten wir im FORMplotter bei randomisierter Eingabe ein komplexes Entscheidungssystem (im Sinne unserer bisherigen Interpreation: FORMalisiertes Kommunikationssystem).



Kombinieren wir {!,V,M}{!,M,V]}



erhalten wir bei randomisierter Eingabe ein komplexes Entscheidungssystem mit einem Sturm von Ideen:



Was können wir uns hierunter nun vorstellen?


Im ersten Fall, einem Beispiel für Komplexes Driften, haben wir mindestens zwei Personen(gruppen) mit folgendem Kommunikationsverhalten:


Eine Person(engruppe) konzentriert sich auf das eigene Meinen im Kontext des eigenen Mitteilens und erwartet in der Umwelt Verstehen. Die andere konzentriert sich auf das eigene Meinen im Kontext des eigenen Verstehens und erwartet in der Umwelt Mitteilen.


Das System, das dabei herauskommt, zeigt Verlaufslinien kreativer Konflikte, gekennzeichnet durch diese grünen Dreiecke, die mit anderen FORMen diese Verlaufslinien vor dem Hintergrund eines gut sortierten Teppichs ausformen.


Das zweite Bild sieht schon etwas stürmischer aus, und das sollte uns nicht verwundern, denn hier konzentriert sich die eine Person(engruppe) auf das eigene Mitteilen im Kontext des eigenen Verstehens und erwartet in der Umwelt Meinen, während die andere ebenfalls auf das eigene Mitteilen konzentriert ist mit dem eigenen Meinen im Kontext und die in der Umwelt Verstehen erwartet.


Man könnte sagen: Beide machen ziemlich viel Geräusch, während die ersten beiden etwas sortierter vorgehen.


Immer dann, wenn wir sehen, dass die Beteiligten auf das eigene Mitteilungsverhalten konzentriert sind, dürfen wir erwarten, dass das dabei herauskommende System keine kreativen Verlaufslinien entwickelt, sondern eher einen Sturm von Ideen – was durchaus in vielen Situationen wünschenswert sein kann.


Fehlt uns aber ein solcher Sturm, können wir davon ausgehen, dass der Fokus der Beteiligten eher auf dem eigenen Meinen liegt. Auch dafür gibt es gute Anwendungsgebiete, zum Beispiel in den Unterhaltungen, in denen sich die Beteiligten erst noch einmal klar werden wollen, was sie hier eigentlich vorhaben – was ja etwas Gutes sein kann.


In „Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten“ wurden noch andere Kombinationen vorgestellt, zeigen wir hier noch zwei, um weitere Anwendungsmöglichkeiten zu demonstrieren:


SinnFORM und Rhythmisierung


Kein nur aus zwei FORMen kombiniertes System kann Kommunikation vollständig in seiner Umwelt erwarten. Kommunikation bedeutet (dreifache) Selektion aus Meinen, Mitteilen, Verstehen. Wir benötigen mindestens drei FORMen, um ein solches System zu erhalten, aber längst nicht alle Kombinationen aus drei FORMen müssen das aufweisen.


So eine Kombination erhalten wir aus {M,!,V}{V,!,M}{!,V,M}:



Das Beispiel ist deshalb interessant, weil Viele denken, dass, indem wir uns auf Verstehen und Meinen konzentrieren, dabei komplexe und interessante, sogar kreative Kommunikationssysteme herauskommen müssen, doch wie wir sehen können, FORMt sich hier ein monotones System.


Zwar lassen sich komplexe lebende Systeme auch mit den besten Vorhaben nicht einsperren, nichtsdestotrotz kann der Versuch im falschen Glauben über lange Zeit darüber hinwegtäuschen, dass sich das System homogenisiert und monoton wird, bis es zu spät ist und Konflikte über Mensch, Organisation und Gesellschaft hereinbrechen, die solch ein System dann nicht mehr bewältigen kann.


Das Modell beschreibt, was ein Beobachter in seiner Umwelt erwartet – hier dann abgebildet in der internen Umwelt. Wenn sich jemand nur Meinen und Verstehen in seiner Umwelt vorstellt, dann heißt das nicht, dass im Kommunikationssystem tatsächlich auch nur Meinen und Verstehen stattfindet. Daraus folgt dann: Wenn jemand so etwas macht, guckt er an der Komplexität der realen Ereignisse vorbei, invisibilisiert die Problematik der Realität und konstruiert sich unter Umständen eine monotone Sichtweise und lebt so an der realen Kommunikation vorbei, sieht aber immer wieder seine Ansichten in den entsprechenden monotonen Mustern bestätigt. Das gilt für Psychen wie auch für Kommunikationen. Wenn Kommunikationssysteme Selbstbeobachtung versuchen, und sie beschreiben sich oder ihre Umwelt auf monotone Weise, dann bekommen sie Probleme damit, sich konstruktiv an sich selbst anzupassen. Sie entwickeln dann eine Neigung dazu, sich in ihrer Selbstanpassung immer weiter zu reduzieren, was am Ende systemdestruktiv wirken kann.


Erst diese komplexe SinnFORM bringt kreative Konflikte und kreative Kooperationssysteme hervor, nämlich die Kombination aus:


{M,!,V}{V,!,M}{M,V,!}


Erst hier finden wir in interner Umwelt Kommunikation (V,M,!) voll abgebildet und erhalten ein System, das wir „CoOneAnother“ nennen:



und bei dem sich nun sehr sortierte Verlaufslinien kreativer Konflikte vor dem Hintergrund eines sortierten Konsens über das Miteinander ausFORMen.


Systeme dieser Art können sich aber auch da ausformen, wo wir sie nicht haben wollen, obwohl sie kommunikativ sehr gut funktionieren, nämlich zum Beispiel, wenn die gruppendynamische Übung im Team so gut funktioniert hat, dass sich alle bestens miteinander verstehen und gut zusammenarbeiten, aber dabei das Organisationsziel aus dem Auge verloren haben.


In solchen Fällen hilft eine OrganisationsFORM ins System zu werfen – sei es als Person oder als Schild oder als Kommunikation selbst, das muss von Fall zu Fall entschieden werden wie hier zum Beispiel, wo wir den „Sergeant Drillmaster“ mit zwei anderen FORMen kombinieren: {!,V,M}{M,V,!}{!,M,V}


Zur Hilfe noch einmal als FORM:



und dann folgende Ausdifferenzierung erhalten:



{!,M,V} rhythmisiert jedes Kooperationssystem. Es handelt sich bei dieser FORM um eine unbedingte Orientierungsfunktion.


Der Leser kann selbst im FORMplotter unterschiedliche Kombinationen ausprobieren und sehen, was passiert, wenn Person(engruppen) oder Kommunikationssysteme ihren Fokus worauf im Kontext von was haben und was sie dann erwarten.



4. Fazit


 


Metakrisen und Wirklichkeitsemulation fordern uns dazu heraus fundamental umzudenken und auch Kommunikation fundamental anders anzupacken. Bislang waren wir was das Verhalten komplexer Entscheidungssysteme anbetrifft, auf Genauigkeit der empirischen Beobachtung und die Fähigkeiten der Beschreiber allein angewiesen, ihre Beobachtung nachvollziehbar aufzuschreiben. Rein verbale Beschreibungen ohne die Möglichkeit des auf mathematischen Überlegungen aufsetzenden Experiments sind nicht nur fehleranfällig, sondern nicht immer unbedingt verständigungsfunktional. Analysieren wir Kommunikation über Kommunikation, kaufen wir uns immer gleich die Selbstverunsicherung des Systems über den Re-entry mit ein. Die damit verbundene Kreativität lässt sich nicht unbedingt abschalten und kann seltsame Resultate mit sich bringen ...


Mit Hilfe von auf uFORM iFORM aufsetzenden artifiziellen Emulationen komplexer FORMen von Kommunikation(ssystemen) lassen sich über einfache universelle Merkmale solcher Systeme Analysen erstellen, die von jedem durchgeführt werden können, der sich ein bisschen ins Modell einarbeitet.


Der Vorteil dieser Vorgehensweise besteht einerseits darin, dass bereits vorhandene Modelle und auch Vorannahmen über Systementwicklung FORMalisiert und dann überprüft werden können und andererseits darin, dass ihre Anwender so lernen Kommunikationssysteme aus abstrahierter Perspektive zu betrachten, sich selbst raus- oder reinnehmen können und dann schauen, was sie da beobachten. Die FORMale Analyse ist einerseits eine Vereinfachung, andererseits aber wiederum nicht, denn sie gewinnt sich grundlegend aus der Betrachtung und dem Arbeiten mit der Paradoxie.


In allen Funktionssystemen von Gesellschaft spielt Reflexion der Kommunikation eine zentrale Rolle – das gilt erst recht, wenn es um Krisenbewältigung geht. Jeder, der in Organisation, direktem Umfeld oder Gesellschaft Orientierungsfunktion zugeschrieben bekommt und damit Leadershipfunktion, kann darüber nachdenken, in welchem Umfeld und welcher Situation welcher Fokus, welcher Kontext und welche Umwelterwartung seinerseits die FORM benötigt, um dem jeweiligen Kommunikationssystem dabei behilflich zu sein kreative Kooperation und Konflikte auszubilden.


Da sich Kommunikationssysteme in kontinuierlicher Innovation, aber auch im Versuch kontinuierlicher Selbstkonservierung befinden, müssen wir zur kontinuierlichen Organisation kontinuierlich die Frage nach den KommunikationsFORMen neu stellen und uns neu anpassen, wie neue Orientierungsvorschläge liefern.


Komplexe lebende Systeme wie menschliche Kognition und Kommunikation lassen sich nicht regulieren, denn sie organisieren sich selbst. Wir können einem komplexen System, das sich nur selbst in seiner Realisierung erfolgreich vorhersagen kann, kein fremdreferenzielles Ziel setzen und erwarten, dass es dies tatsächlich erreicht. Wir sind aber nicht völlig ohne Mittel, denn zum Beispiel mit FORMenlogik können wir Vorschläge für funktionale Selbstorganisation machen. Diese Vorschläge müssen nicht sprachlicher Natur sein, Verhaltensänderung reicht oft aus. So oder so müssen wir über kontinuierliche, reflektierte und vor allem funktionale und damit funktionierende Kommunikation sprechen und die Analyse kontinuierlich mitlaufen lassen, um kontinuierliche Orientierungsfunktion erfüllen zu können. Diejenigen, die beraten werden, müssen anfangen zu lernen, in diesen kommunikativen Mustern zu denken.


Kooperationssysteme bringen immer Konflikte hervor, Konflikte nicht zwangsläufig Kooperation. Doch solange FORMen nicht auf ihre Krisenfunktionalität hin untersucht werden können und solange Reflexion nicht breitflächig stattfindet, werden es keine neuen Konflikte sein, sondern immer nur wieder solche, die wir bereits kennen. Und diese Konflikte sind es, die langfristig das System zum Kollabieren bringen, weil sie unter anderem aus monotonisierenden Kooperationsversuchen emergieren, die nicht derart funktionieren, dass sie tatsächlich anhaltende Kooperation wie in CoOneAnother hervorbringen können, sondern weil sie von falschen Erwartungen an Mensch und Gesellschaft geleitet werden, die immer wieder daraus resultieren, dass keine solide systemische Grundausbildung vorhanden ist.


Der Mensch ist die Metakrise, und nur, indem sich der Mensch ändert, können Krisen anders bewältigt werden als in der Geschichte. Es reicht hierfür nicht, über andere Sozialarchitekturen nachzudenken, denn solange die FORMen nicht berücksichtigt werden, arbeiten wir zu weiten Teilen nach Trial and Error und können nicht erfolgreich erwarten, welche Probleme daraus langfristig wieder entstehen werden. Erst über die vorgestellte breitflächige und vor allem kontinuierliche Reflexion der Kommunikationssysteme und der eigenen Beteiligung werden unsere Analysen auch langfristig funktionieren, weil sie sich selbst immer wieder mit in die komplexe Re-entry-FORM hineinnehmen.


Systemisches Denken wird dann wirksam, wenn die Menschen lernen systemisch zu denken.


 


5. Literatur/Tools


Fathi Karim, Santa Barbara CA US 2020, Multi-Resilience for Times of bundled Crises


Hofmann Peter, Mainz 2019, FORMplotter


Luhmann Niklas, Berlin 1987, Soziale Systeme


Peyn R., Heidelberg 2017, uFORM iFORM


Peyn G., Heidelberg 2018, How does System function/operate


Peyn G., Heidelberg 2018, Information


Peyn G., Heidelberg 2018, Kommunikation - Reorganisation des Unbestimmten


Peyn G., Heidelberg 2018, Wirklichkeitsemulation - zum Begriff


Peyn, R., Lüchow 2018, Communication - Reorganization of Undetermined – the Paper https://uformiform.info/en/downloads


Peyn G., Heidelberg 2020, Konfliktdynamiken mit SelFis untersuchen