Brief 11 - Wenn das Gehirn das Gehirn studiert - von Andrea

Lieber Oliver,


wie schön Du m.E. die persische Geschichte aus einer syntaktischen Perspektive erläutert hast! Mit dem Hinweis auf laufend wechselnde Kontexte (was m.E. ein vielerorts zutiefst vernachlässigter Aspekt ist, da die Kontexte so umfassend sind und so viele körperlich-sinnliche, unaussprechliche, oft ambivalente und künstlerisch-ästhetische Ausdrucksformen beinhalten bzw. hervorbringen) und als Methode, die für bestimmte Fragestellungen hilfreich ist. Und ich frage mich: welcher grundlegenden logischen Struktur oder welchen Strukturen im Sinne von Syntax folgt unser hier vorliegender Text-Austausch? Im Hinblick auf den Fokus – was sagt es über die Form unseres Miteinander-Umgehens aus?


Zwei Aspekte, die Du m.E. betonst, sind Verantwortung für die (konstruktivistische) Bedeutungsgebung beim Betroffenen und logische Schemata, die den Strukturen des menschlichen Bewusstseins entsprechen. Im Hinblick auf Watzlawick, in dessen Gedenken wir uns hier im wertschätzenden Austausch Gedanken machen, möchte ich dazu folgendes einbringen. Er meinte: „Konstrukteure der eigenen Wirklichkeit würden sich durch drei besondere Eigenschaften auszeichnen. Sie wären erstens frei, denn wer weiß, dass er sich seine eigene Wirklichkeit schafft, kann sie jederzeit auch anders schaffen. Zweitens wären diese Menschen im tiefsten ethischen Sinne verantwortlich, denn wer tatsächlich begriffen hat, dass er der Konstrukteur seiner eigenen Wirklichkeit ist, dem steht das bequeme Ausweichen in Sachzwänge und in die Schuld der anderen nicht mehr offen. Und drittens wären diese Menschen im tiefsten Sinne konziliant, tolerant. Denn wer sich als Konstrukteur seiner eigenen Wirklichkeit sieht, muss das auch jedem anderen zugestehen. Natürlich gibt es solche Menschen sehr, sehr selten. Ich habe in meinem Leben zwei getroffen, die vermutlich an dem Punkt angekommen waren.“ Womit der den Zen-Lehrer Karlfried Graf von Dürckheim und Jiddhu Krishnamurti meinte.


Wenn das Gehirn das Gehirn studiert…


Das menschliche Bewusstsein – hochinteressant und relevant! Was verstehst Du darunter? Insbesondere unter der Struktur des Bewusstseins? Watzlawick meinte zum Aspekt des Gehirns, das im Zusammenhang mit dem Bewusstsein wohl eine bedeutendere Rolle spielt, in einem Gespräch mit Franz Kreuzer 1981 [F.Kreuzer im Gespräch mit (...) Paul Watzlawick [Aufgezeichnet im ORF-Nachtstudio am 3. Juli 1981], Die Welt als Labyrinth, in Absatz: Hirn studiert Hirn (Franz Deuticke Verlagsgesellschaft 1982] einmal: „Mein Verdacht ist nämlich der, dass mit dem Fortschreiten dieses Wissens um das Funktionieren des Gehirns sich erneut das Problem der Rückbezüglichkeit in aller seiner Intensität zeigen wird. Denn es ist ja das Gehirn, das das Gehirn studiert. Und das Auseinanderhalten von Subjekt und Objekt – Hirn als Subjekt studiert Hirn als Objekt – wird diese sattsam bekannten logischen Probleme der Rückbezüglichkeit ergeben. Ich werde es nicht mehr erleben, aber es wäre hochinteressant zu sehen, was nun daraus wird. (...) Es ist für uns immer wieder schwer begreifbar, dass sich, wie Gödel aufzeigte, kein System aus sich selbst heraus beweisen kann; es muss immer Rekurs nehmen zu einem weiteren, noch größeren System, in dem dieses System eingebettet ist, sodass die Erklärungsprinzipien aus dem größeren System hergenommen werden müssen, wobei die des größeren Systems wiederum unklar bleiben. Es bleibt immer wieder die Frage: Ist das Obersystem konsequent und konsistent?


(Da ist) George Spencer Brown, der eine neue Logik entwickelt hat, die sich aus sich selbst heraus zu beweisen trachtet. Dann wäre da wieder Bezug zu nehmen auf die Arbeiten Varelas, des chilenischen Biologen, der von der Biologie herkommend die Auffassung vertritt, dass es eine neue Dimension gibt, nämlich die Autonomie des rückbezüglichen Beweises eines Systems aus sich selbst heraus. Das ist sehr schwer zu erklären – dem Mathematiker fällt es leichter, das zu verstehen, er kennt den Begriff des Eigenwertes, das heißt eines mathematischen Satzes, der so beschaffen ist, dass er sich tatsächlich aus sich selbst heraus beweist. (...) (in der) Autonomie, wo nämlich tatsächlich ein Sich-selbst-Enthalten möglich wird. (...) Das heißt, die Trennung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten würde wegfallen. Da sind wir natürlich auf einer fast mystischen Ebene, wo wirklich die Verschmelzung der Welt mit dem die Welt wahrnehmenden Individuum möglich wird. Wenn wir uns auf das Mystische beziehen, wie Wittgenstein es getan hat, so meinen wir nicht unbedingt Religion. Religion gehört auch in diesen mystischen Bereich. Jedes Zeitalter hat aufgrund seiner jeweiligen geistigen Gesamtkonstitution eine andere Ausdrucksweise gefunden, um das Mystische zu beschreiben. Die konstruktivistische Ableitung der Rückbezüglichkeit und Autonomie der menschlichen Existenz scheint mir ein gedanklicher Weg zu sein, der unserer Zeit entspricht. Die Welt, wie sie uns Gödel vorgerechnet und wie Escher sie gezeichnet hat, lässt Subjekt und Objekt als Spiegelung erscheinen. Francisco Varela sagt uns dazu: Dass die Welt weder von so plastischer Beschaffenheit sein soll, weder subjektiv noch objektiv, weder einheitlich noch trennbar, noch zweierlei und untrennbar, ist faszinierend. Das weist sowohl auf die Natur des Prozesses hin, den wir in seiner ganzen förmlichen und materiellen Beschaffenheit erfassen können, als auch auf die fundamentalen Grenzen dessen, was wir über uns und die Welt begreifen können ... Es zeigt in der Tat die eigentliche Grundlosigkeit unserer Erfahrung ... Es enthüllt uns eine Welt, in der das Grundlose, das Unbegründete zur Basis der Einsicht werden kann ...“ |F.Kreuzer im Gespräch mit (...) Paul Watzlawick [Aufgezeichnet im ORF-Nachtstudio am 3. Juli 1981], Die Welt als Labyrinth, in Absatz: Die Glocke der Schildbürger (Franz Deuticke Verlagsgesellschaft 1982].


„Ins Ohr zu flüstern“


Schließe die Augen, dann wirst du schauen.
Brich deine Mauern, dann wirst du bauen.
Lerne harren, dann wirst du gehn.
Lass dich fallen, dann wirst du stehn.


Mit diesen m.E. wunderbaren Zeilen von Lothar Kempter, Dichter aus Winterthur, die Watzlawick [in: Die Möglichkeit des Andersseins (Verlag Hans Huber/Hogrefe 2002), in Kapitel: Rechtshemisphärische Sprachformen, Bildhafte Sprachformen] zitiert hat, blicke ich wieder erwartungsvoll zu Dir und übergebe Dir das weitere Wort :-) !


Liebe Grüße! Andrea