Anamnese

engl. anamnesis, franz. anamnèse f, griech./lat. anamnesis = »Erinnerung«; wird im medizinischen Kontext die Krankheitsvorgeschichte, im psychosozialen Kontext auch das Erstgespräch/Erstinterview genannt. Es geht um die vertikale Betrachtung der generationenübergreifenden Prozesse neben der horizontalen Dimension des Hier und Jetzt und um die Kontextinformationen (z. B. in Bezug auf den sozialen oder kulturellen Rahmen).
Beim systemischen Arbeiten (System) geht es nicht nur um Daten (z. B. biografische oder Krankheitsangaben), sondern auch um wiederkehrende Muster/Schemata. Wichtig sind hier vor allem Interaktions-, Beziehungs-, Konflikt-, Problem-, Lösungs- und Ressourcenmuster. Bei den Anamneseinhalten (was wird als relevante Information erachtet?), mehr aber noch bei der Anamneseerhebung kann unterschieden werden zwischen individuellen (Individuum), Paar- oder Familienanamnesen. Die beiden Letztgenannten werden häufig auch in Anwesenheit der Angehörigen erarbeitet. Üblicherweise ist das Anamnesegespräch »halb strukturiert«, d. h., der Therapeut/Bera- ter (Therapie/Beratung) hat einen bestimmten Informationsbedarf, lässt aber den Klienten/Patienten Raum für die Gestaltung. Typisch ist die anfängliche Frage nach dem Anlass der Konsultation, wobei Vorinformationen, z. B. aus Telefonaten, einfließen. Für das Weitere wichtig können auch der Weg zur Konsultation (Überweisung, Ratschlag, eigene Recherche) und die Klärung der Erwartungen bzw. der Möglichkeiten des Erstgesprächs sein (vor allem als Auftragsklärung). Dazu gehören auch die Klärung des zeitlichen Rahmens der Therapie bzw. Beratung (meist eine Stunde) und die Klärung dessen, ob es sich um ein einmaliges Beratungs-/Klärungsgespräch handeln soll oder ob weitere Termine, bis hin zur anschließenden Beratung/Therapie, ins Auge gefasst werden sollen. Dem folgt meist eine Schilderung der gegenwärtigen Situation (Beschwerden), bei mehreren Beteiligten sollte jeder mit seiner Sicht zu Wort kommen. Daran schließen sich oft die Fragen nach der Vorgeschichte an: Wann und wie wurden die Beschwerden/Konflikte erstmals bemerkt?


Gab es einen Wechsel mit Verschlimmerung, Verbesserung, ggf. wann und unter welchen Umständen? Oft wird die Situation, wie sie beim ersten Bemerken der Beschwerden oder Konflikte bestand, genauer erfragt, z. B. mit Blick auf Lebensveränderungen wie Geburten, Todesfälle, Trennungen, positive oder negative Ereignisse. Sodann wird oft weiter in die Vergangenheit geschaut, z. B.: Gab es Ähnliches schon mal in Ihrem Leben oder in Ihrer Familie? Wichtig sind auch die Beziehungen zu anderen Bezugspersonen (Personen), wie Eltern, Geschwistern, Partnern, Kindern. Spätestens jetzt ist ein Genogramm üblich und hilfreich. Nicht vergessen werden sollte an dieser Stelle auch die Frage nach den bisherigen Lösungsversuchen: Was haben die Betroffenen selbst versucht, wie haben sie Hilfe (Helfen) von außen, z. B. Beratung oder Therapie, gesucht? Schließlich sind entscheidend noch die Vorstellungen der Patienten/Klienten bzw. aller Beteiligten von dem Verständnis der Problematik, z. B.: Gibt es Vorstellungen von den Ursachen und vor allem auch Vorstellungen von der Lösung der anstehenden Probleme? Die Anamnese endet meist mit einer Zusammenfassung des Therapeuten/Beraters und einer Vereinbarung über das weitere Vorgehen, z. B. über ein zweites Gespräch in gleicher oder veränderter Zusammensetzung, z. B. mit oder ohne Angehörige/Partner. Möglich, aber eher selten ist eine Vereinbarung über die Fortsetzung als längere oder kürzere Beratung/ Therapie. Oft kommt es vor allem in Institutionen zur Weiterempfehlung an andere Therapeuten oder Beratungsstellen.
Erster wichtiger Hinweis: In der Regel sollte der Therapeut/Berater anbieten, dass die Beteiligten sich wieder melden können, wenn der geplante Weg sich als nicht gangbar erweist. Zweiter wichtiger Hinweis: Jede Anamnese, vor allem, wenn sie bereits als Paar- oder Familiengespräch geführt wird, hat eine sehr starke therapeutische Wirkung, z. B. durch initiale Klärung oder Ermutigung oder neue Erfahrung. Diese Wirkung kann auch negativ sein: aufgrund von Verwirrung, Verunsicherung oder destruktiver Eskalation. Dies gilt vor allem, wenn mehrere Familienangehörige anwesend sind. Dann hat der Therapeut/ Berater eine besonders hohe Verantwortung dafür, einen geschützten, nicht schädlichen Raum zur Verfügung zu stellen. Zugleich kann und darf und soll er die Entwicklungspotenziale, die gerade erste Gespräche haben, zum Vorteil der Patienten/Klienten (Symptomträger) nutzen.


Verwendete Literatur


Schlippe, Arist von und Jochen Schweitzer (1996): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I und II. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).


Weiterführende Literatur


Scheib, Peter u- Michael Wirsching (2002): Vom Erstkontakt zum Behandlungsabschluss. In: Michael Wirsching u. Peter Scheib (Hrsg.): Paar- und Familientherapie. Berlin (Springer), S. 145–198.


Stierlin, Helm, Ingeborg Rücker-Embden, Norbert Wetzel u. Michael Wirsching (Hrsg.) (1996): Das erste Familiengespräch. Theorie – Praxis – Beispiele. Stuttgart (Klett-Cotta).