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A votre santé!
Karl Ludwig Holtz, Coach und Winzer mit jeweils jahrzehntelanger Erfahrung, wirft auf humorvolle Weise und enorm kenntnisreich Fragen auf, die sich am besten bei einem guten Glas Rotwein besprechen lassen: Wer oder was bestimmt eigentlich einen angemessenen Preis des Weines oder des Coachs, wie alt sollten beide bestenfalls sein? Welche gemeinsamen Elemente verbinden den Coachingprozess und die Weinbereitung? Haben Coaching und Weingenuss überhaupt etwas mit Gesundheit zu tun?
- Fördert überraschende Parallelen zwischen Coaching und Weinbau zutage
- Ermöglicht einen erfrischenden Blick auf das eigene Tun als Berater:in
- Unterhaltsames Geschenkbuch für alle, die andere Menschen beraten
Dieses Buch ist Teil des Themas Beratung, Organisation, Management.
Das Buch
Gleichnisse und Metaphern über Weinberge und Weinbereitung sind nicht neu. Sie helfen, andere und ungewohnte Beziehungen herzustellen, und führen mitunter zu erhellenden Perspektiven und Erkenntnissen. Die Verbindung von Wein und Coaching eröffnet gleich für beide Bereiche neue Dimensionen:
• Wer oder was bestimmt eigentlich einen angemessenen Preis des Weines oder des Coachs, wie alt sollten beide bestenfalls sein?
• Welche gemeinsamen Elemente verbinden den Coachingprozess und die Weinbereitung?
• Haben Coaching und Weingenuss überhaupt etwas mit Gesundheit zu tun?
• Ist es ein Zufall, dass der Beginn des biologischen Weinbaus mit dem Beginn der neuen Psychiatrie, Psychopathologie und Psychotherapie zusammenfällt? Dass beide Strömungen nahezu gleichzeitig das gesteigerte Interesse der chemischen Industrie erfuhren (Stichworte Ritalin und Glyphosat)?
• Lassen sich aus der Diskussion über die Züchtung resilienter Weinstöcke Hinweise auf die Probleme des psychologischen Resilienzbegriffs ableiten?
• Und was ist häufiger: die Zahl der Weinirrtümer oder die Irrtümer über theoretische Vorannahmen zum Coachingprozess?
Karl Ludwig Holtz, Coach und Winzer mit jeweils jahrzehntelanger Erfahrung, wirft auf humorvolle Weise und zugleich enorm kenntnisreich Fragen auf, die sich am besten bei einem guten Glas Rotwein besprechen lassen. Aber – was ist guter Rotwein?
• Wer oder was bestimmt eigentlich einen angemessenen Preis des Weines oder des Coachs, wie alt sollten beide bestenfalls sein?
• Welche gemeinsamen Elemente verbinden den Coachingprozess und die Weinbereitung?
• Haben Coaching und Weingenuss überhaupt etwas mit Gesundheit zu tun?
• Ist es ein Zufall, dass der Beginn des biologischen Weinbaus mit dem Beginn der neuen Psychiatrie, Psychopathologie und Psychotherapie zusammenfällt? Dass beide Strömungen nahezu gleichzeitig das gesteigerte Interesse der chemischen Industrie erfuhren (Stichworte Ritalin und Glyphosat)?
• Lassen sich aus der Diskussion über die Züchtung resilienter Weinstöcke Hinweise auf die Probleme des psychologischen Resilienzbegriffs ableiten?
• Und was ist häufiger: die Zahl der Weinirrtümer oder die Irrtümer über theoretische Vorannahmen zum Coachingprozess?
Karl Ludwig Holtz, Coach und Winzer mit jeweils jahrzehntelanger Erfahrung, wirft auf humorvolle Weise und zugleich enorm kenntnisreich Fragen auf, die sich am besten bei einem guten Glas Rotwein besprechen lassen. Aber – was ist guter Rotwein?
Details
| ISBN | 978-3-8497-0403-2 |
|---|---|
| Erscheinungsdatum | 2021-10-22 00:00:00 |
| Auflage | 1 |
| Lesealter | |
| Abbildungen | 2 |
| Übersetzung | |
| Einband | |
| Format | |
| Anzahl CDs/DVDs | |
| Vorwort / Geleitwort / Nachwort | |
| eBook-Dateiformat | |
| Seitenanzahl | 223 |
| Zusatzinformationen |
Produktsicherheit
Carl-Auer Systeme Verlag GmbH
Vangerowstraße 14, 69115 Heidelberg
+49 6221 6438-0
info@carl-auer.de
Pressestimmen & Rezensionen
,,Welche gemeinsamen Elemente verbinden den Coaching-Prozess und die Weinproduktion? Lassen sich aus der Diskussion über die Züchtung resilienter Weinstöcke Hinweise auf die Probleme des psychologischen Resilienzbegriffs ab leiten? Und was ist häufiger: die Zahl der Weinirrtümer oder die Irrtümer über theoretische Vorannahmen zum Coaching-Prozess? Karl Ludwig Holtz wirft auf enorm kenntnisreiche Weise viele Fragen auf, die sich am besten bei einem guten Glas Rotwein überdenken" - wirtschaft+weiterbildung
,,Ein ganz besonders Buch kommt von unserem Freund, Stammreferenten und Pionier der deutschsprachigen Hypnotherapeuten für Kinder und Jugendliche. Was nicht viele wissen: Er ist Winzer in Wirkwei einem der besten französischen Weingebiete in Banyuls-sur-mer und produziert dort einen hervorragenden Rotwein. Er vergleicht Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Coaching und Weinbau in einem unterhaltsamen Buch." - Ghita Benaguid
Autor:innen, Illustrator:innen und Herausgeber:innen
Autor:in | Karl L Holtz
Karl L. Holtz, Prof. Dr., Dipl.-Psych., Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychologischer Psychotherapeut mit den Schwerpunkten kognitive, systemische und hypnosystemische Therapien, Prof. (i. R.) für Psychologie in sonderpädagogischen Handlungsfeldern an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg; Mitbegründer und Leiter des Instituts für lösungsorientierte Beratung und Supervision in Heidelberg. Arbeitsschwerpunkte: Lern- und Entwicklungsförderung, Ressourcenorientierung, systemisch-lösungsorientierte Ansätze in Beratung, Supervision und Therapie.
Aus unserem Magazin
Ross und Reiter
„Ich hätte gern auch mal eine Medaille“, sagt mein Wein, „am liebsten natürlich eine Goldmedaille.“
Ich hätte mir denken können, dass mein Versuch, die Qualität meines Weines per emotionale Berieselung durch öffentlich-rechtliche Medien zu verbessern, Nebenwirkungen zeigen könnte. Angeregt durch die zahlreichen Versuche, mit unterschiedlichen Musikrichtungen die Qualität von Weinen zu verbessern, habe ich meinen Wein die Olympischen Spiele in seinem Heimatland schauen lassen.
Mir war zu Ohren gekommen, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Parole ausgegeben hatten, vor allem Emotionen zu transportieren (z. B. Rudi Cerne). Und nicht nur die Musik der Eröffnungsfeier, sondern auch die lyrische Qualität der ersten Reportagen bestärkten mich in dem Versuch, durch eine geballte Breitseite an Emotionen den Wein bzw. seine Inhaltsstoffe in Wallung zu versetzen, weil dadurch u. a. „die Hefestämme keine Ketten mehr bilden, sondern … rund sind und frei schweben“. So jedenfalls eine Interpretation der Musikbeschallung am Klosterneuburger Weinbauinstitut.
„Es würde mir helfen“, sagt mein Wein, „wenn unsere Weinpräsentationen zumindest ansatzweise die metaphorische Qualität einiger Reportagen erreichten. Wann wurde ich je gefragt, was ich gefühlt habe, als ich das erste Mal im Glas präsentiert wurde, und ob dabei meine Familie, bevorzugt meine Mutter, zugegen sein konnte. Und dann die Vergleiche, Bilder und Metaphern, mit denen Erfolge und Niederlagen gefeiert werden!“
„Gemach“, sage ich und versuche damit meine literarische Dignität zu erhöhen, „Gemach! Du weißt − ich habe das ja schon in meinem Beitrag zu Fritz Simons Buch zur Fußballweltmeisterschaft in Südafrika deutlich gemacht −, dass gewagte Vergleiche und kreative Metaphern in den Sportreportagen vor allem dann das Licht der Welt (!) erblicken, wenn die Inhalte langweilig zu werden drohen. Oder aber, wenn von den Missständen einzelner Sportarten oder Trainingsbedingungen abgelenkt werden soll.“
„Meinst Du, dass die Weinpräsentatoren vor allem dann ins bildhafte Schwärmen geraten, wenn der Wein stinklangweilig oder irgendwie anrüchig ist?“
„Das weiß ich jetzt nicht“, sage ich. „Man sollte mal darauf achten, ob die Weinsprache immer dann blumiger wird, wenn der Wein selbst wenig Blume hergibt.“
„Und wie ist das beim Coaching?“, fragt mein Wein.
„Auch da bringen neue Bilder und Metaphern dann etwas mehr Bewegung, wenn die Suche nach Veränderungen sich als zähflüssig und festgefahren erweist. Zumindest machen es kreative Wortspiele leichter, sich auf neue Dinge einzulassen. Bernhard Trenkles Sprüche und Aphorismen liefern da zahlreiche Beispiele.“
„Na, du musst dich mit deinen Sprüchen da auch nicht verstecken. Ich erinnere nur an ‚Der Mensch und die Leber wachsen mit ihren Aufgaben‘ oder an deinen Vorschlag‚ den Tor des Monats auszuloben.“
„Danke, dass du das noch mal erwähnst!“, sage ich zu meinem Wein. „Du glaubst gar nicht, wie viel lobende Erwähnung ein einzelner Mensch vertragen kann – um Bernhard Trenkle zu zitieren. – Wie möchtest du denn nach deinen olympischen Erfahrungen am liebsten besprochen werden?“
„Am liebsten von Carsten Sostmeier, der für den Reitsport zuständig ist. Neben der Qualität seiner Vergleiche und Metaphern haben wir bei ihm wahrscheinlich gute Chancen, weil er sich auf seiner Homepage als Moderator und Laudator unterschiedlicher reitsportlicher und anderer gewichtiger Ereignisse anpreist und auch Werbefilme für unterschiedliche Reiter, Gestüte und Pferdehändler im Programm hat. Die Musik macht er übrigens auch selbst.“
„Ach, du meinst ‚Sosti on tour‘“, erinnere ich mich. „Und glaubst du, er kommt dadurch nicht in Konflikt mit dem Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen zu möglichst unvoreingenommener Berichterstattung?“
„Wie sollte er“, sagt mein Wein, „er hat dann ja auch viel mehr Einblick in die reiterlichen Praktiken der Reitställe und kann uns aus erster Hand vermitteln, dass an den Vorwürfen wegen Missachtung des Tierwohls in Dressur, Vielseitigkeit und Springreiten nichts dran ist. Vielleicht ist er ja der Urheber der gelungenen Metapher, dass das Verhältnis zwischen Sportler und Sportgerät sich am ehesten durch einen Tanz der beiden beschreiben lässt.“
„Dieser Vergleich ist mir schon länger aus der Beratung und Therapie vertraut, nur meint er hier eine möglichst gleichrangige Beziehung zwischen reflexiven Partnern mit dem Ermöglichen größtmöglicher Entscheidungsfreiheit.“
„Du wirst den Pferden mit ihren großen Köpfen doch nicht die Reflexionsfähigkeit absprechen, du sprichst doch auch mit mir auf gleicher Ebene!“
„Ja, mit dir!“, sage ich. „Aber wir haben ja auch inzwischen einen guten Weg gefunden, wie wir uns gegenseitig respektieren. Wenn es so etwas wie Weinwohl in Analogie zum Tierwohl gibt, dann halte ich es mit dem Weinfachmann Jules Chauvet – wie du weißt, mit Jacques Néauport der Pionier der Natural-Wine-Bewegung: Le vin, moins on le touche, mieux ça vaut – Je weniger man den Wein berührt, desto besser wird er. Aber diese Erkenntnis scheint sich im Reitsport noch nicht durchgesetzt zu haben …“
„Beim Tanz hoffentlich auch nicht!“, erwidert mein Wein.
„Beim Coaching geht man seit Längerem davon aus, dass zumeist weniger touche mehr ist. Mit der Metapher des Tanzes lässt sich zudem häufig Einverständnis darüber herstellen, welche Hilfen und welche Unterstützung angemessen sind.“
„Führt das nicht auch dazu, dass eine solche Metapher, wenn sie zum selbstverständlichen Bild wird, mehr verdeckt als sie erhellen kann?“
„Sie wird zumindest dem öffentlich-rechtlichen Auftrag gerecht, Emotionen zu kanalisieren. Und bei diesem Tanz macht auch der Kontext die Musik: Der Schlossgarten von Versailles, Paris als Stadt der Liebe und der Musette-Walzer verführen natürlich zu mehr oder weniger höfischen Tanzvergleichen. Und man möchte allzu gerne vergessen, dass sowohl am französischen Hofe als auch in der Liebe die Tänze nicht immer gleichrangig verlaufen. Bereits die Eröffnungsfeier war ja ein einziges Tanzfestival, und so nimmt es nicht wunder, dass die emotional gebrieften Berichterstatter in vielen Disziplinen das Verhältnis der Athleten zu ihren Sportgeräten als tänzerisch bezeichnen, so etwa beim Stabhochsprung, beim Diskuswerfen, beim Mountainbike – und auch die belgischen Basketballerinnen ‚tanzten‘ mit ihren Gegnerinnen, aber die konnten sich zumindest wehren.“
„Und vor allem Carsten Sostmeier beim Reiten!“, beharrt mein Wein. „So viel Tanz war selten. Aber so ein Pferd ist ja auch ein Lebewesen, also mehr als ein Sportgerät.“
„Das hätte ich in der Tat beinahe vergessen“, erwidere ich.. „Aber ich habe auch nicht so häufig Carsten Sostmeier gehört. War das nicht der, der bei den letzten Olympischen Spielen wegen unfairer Berichterstattung und verquaster Nazi-Zitate („Seit 2008 wird zurückgeritten“) öffentliche Kritik bekam?“
„Ja, aber er hat ja betont, dass er wohl missverstanden worden sei, und den Blondinenwitz hat er wohl aus Unkenntnis gemacht, vielleicht, weil er für die gemeinte Reiterin noch keinen Werbeauftritt produziert hatte. Und wahrscheinlich gibt es für Reiterlyrik ja auch so etwas wie künstlerische Freiheit – wenn man schon den genialen Einfall hat, die vermutete Angst der Reiterin schon an den braunen Streifen in der Hose erkennen zu können. Das alles ist natürlich nur metaphorisch gemeint, und – mein Gott, manchmal gehen einem schon mal emotional die Gäule durch! Wir sind ja alle nur Reitsportfreunde.“
„Und du meinst, dass ein solch professioneller Präsentator der Richtige ist, auch dich auf dem Wege zu deiner Goldmedaille zu begleiten?“, versuche ich die Euphorie meines Weines zu bremsen. „Wir können ja mal versuchen, dich für eine Prämierung vorzubereiten. Du bist zumindest sauberer als das Wasser der Seine, und der Fluss soll wiederum sauberer sein als einige Athleten es gewesen sind. Obwohl ja einige der Langstreckenschwimmer und Triathleten häufiger gekotzt haben als alle von Sostmeier jemals gefeierten Pferde vor einer Pariser Apotheke.“
Mein Wein reagiert gereizt: „War das nun dein obligatorischer Kalauer, oder war das ein Sostmeier?“
„Da kenne ich Sostmeier zu wenig, aber du kannst mich gerne überzeugen. Es findet halt nicht alles, was für Reiterstammtische angemessen ist, auch bei Weinverkostungen Zustimmung.“
„Aber Sostmeier scheint, wie ein guter Wein, inzwischen gereifter zu sein. Obwohl er auf Nachfrage betont, dass ihm die meisten Bilder und Vergleiche spontan einfallen, hat man jetzt den Eindruck, dass er beim Formulieren mit einem Auge auf das Reitsportereignis und mit dem anderen in den Spiegel schaut. Und was dabei herauskommt, sind Emotionen pur!“
„Bitte ein Beispiel!“ Ich werde zunehmend neugierig, glaube ich mich doch mit meinem Wein auf gleicher Wellenlänge.
„Also von der diesjährigen Olympiadressur:
‚Das war eine hipponomische Fontäne, wo gefühlt wirklich ein jeder Wassertropfen auf der Gänsehaut eines Betrachters wie eine Perle hinuntergleitet, wenn man dieses Zusammenspiel sieht, diesen Tanz von Isabell Werth mit ihrer Stute Wendy.‘
Und zur Reiterkollegin Bredow-Werndl und deren ‚Tanzpartnerin‘ sagt er:
‚Es macht einen fast schon sprachlos. Es ist ein absoluter Genuss. Sie liefern in einer solchen Perfektion. Und Dalera, so kommt es einem vor, schenkt ihre Beine der Reiterin zum gemeinsamen Tanz.‘
Und woran erkennt man als Pferdelyriker die Zufriedenheit seines Tanzpartners? Richtig: im Antlitz:
‚Es wirkt so tänzerisch leicht wie das Lichtspiel einer Kerze, welches sich in einer sanften Brise elegant hin- und herbewegt – so das Erscheinungsbild, das Antlitz dieser zauberhaften Stute.‘
Sosti meint ‚im Gesicht der Stute ein Lächeln zu erkennen, was förmlich die Sonne ins Dressur-Viereck zaubert‘. Und er vermutet, dass für von Bredow-Werndl der Platz auf dem Pferd kein Arbeitsplatz oder Sportplatz ‚und schon gar kein Exerzierplatz ist, sondern für die Reiterin ist der Platz im Rücken ihres Pferdes Dalera ein Ehrenplatz‘. Daher wohl auch das edle Zusammenspiel beider Tanzpartner. Es habe ‚harmoniert‘ und nicht nur ‚geklappt‘.
‚Das ist das Wort, das im Vordergrund stehen muss. Immer im Zusammenleben eines Menschen mit seinem Pferd. Mit jedem Tier, auch mit jedem Menschen.‘
Da sieht man auch, dass Sostmeier in Bezug auf die Gleichrangigkeit und Gewaltfreiheit gelernt hat“, sagt mein Wein. „Bei den Olympischen Spielen zuvor klang es ebenso harmonisch − aber leider noch weniger gewaltfrei: Auch dem Tanzpaar Schneider/Showtime schaut er ins Antlitz:
‚Schauen Sie mal Showy, wie er ja genannt wird, ins Gesicht: Die Ohren gespitzt, er hat einen zufriedenen Gesichtsausdruck – bisschen Schaum im Maul, er kaut also auf Trensen und Kandarengebiss –, und das spiegelt sich auch unter dem Sattel komplett wider: diese Lockerheit, diese Entspanntheit; und doch: diese große Aufmerksamkeit.‘
‚Wissen Sie, Dressurreiten, das ist nicht das Hineinpressen eines Pferdes in eine Schablone, sondern das behutsame Entwickeln seiner Talente zu einer edlen Silhouette. Und ein Beispiel dafür ist dieses Pferd.‘“
„Das ist ja fast gewaltfreie Erziehung mit nur ein bisschen Schaum im Mund“, sage ich.
„Du willst doch jetzt nicht ein neues Fass mit dem olympischen Kinderturnen aufmachen?!“, antwortet mein Wein.
„Nein“, sage ich, „ich stelle nur fest, dass die Pferde damals wohl noch etwas mehr zu knabbern hatten.“ Ich brauche den nächsten Kalauer und sage: „Mir ist nur ein bisschen flau im Magen wegen der erlebten Wortgewalt. Lass mich schnell meinen Kopf wieder einschalten und zur Metaphernanalyse zurückkommen.
Für eine anregende Metapher ist ja weder der Tanz noch die Gänsehaut etwas Neues. Gänsehaut pur, Gänsehaut-Momente, Gänsehaut-Schauder habe ich schon zu oft in Sportreportagen gehört. Was mich eher nachdenklich macht, ohne mich emotional positiv zu berühren, ist die eingangs erwähnte hipponomische Fontäne. Was mich ins Grübeln bringt − ich weiß nicht, ob das beabsichtigt ist: Meint hipponomisch etwas anderes als das vertrautere hippologisch? Ist es der Unterschied zwischen ökonomisch und ökologisch, astronomisch und astrologisch, gastronomisch und gastrologisch?“
Ich krame, auch um von meinem Magen abzulenken, meine unzureichenden Griechischkenntnisse zusammen: „Gehört es zu den Gesetzmäßigkeiten einer Pferdefontäne, dass Wassertropfen wie Perlen heruntergleiten? Oder darf man bei so gewaltigen Bildern und Wortkapriolen, die Sostmeier ja unter anderem den Grimme-Preis eingebracht haben, nicht mit der Stecknadel irgendeiner Nomik oder Logik zustechen, um nicht alles zum Platzen zu bringen?“
Auch ich schaue meinem Wein ins Antlitz. Noch schäumt er nicht, aber seine Augenwinkel deuten an, dass es doch ein wenig in ihm gärt. Zur Deeskalation sage ich: „Hast du denn noch andere Beispiele?“
„Natürlich!“, sagt mein Wein. „Sostmeier hat bei den Spielen in Paris deutlich mehr Sätze abgegeben als Kerber, Zwerev und einige deutsche Ballsportteams zusammen. Und wenn dir ‚hippologisch‘ lieber ist – Sostmeier will sich wohl selten wiederholen. Beim Sieg des deutschen Vielseitigkeitsreiters Jung ein paar Tage vorher, sagte er:
‚Das war ein hippologischer Vollgenuss vor royaler Kulisse. Er lobt sein Pferd. Wissen Sie was: Er tanzt durch den Schlosspark, er reitet nicht. Es ist dieses perfekte Menuett der feinfühligen Emotionen und Reitkunst, die sie hier über das Grün hinwegschweben lassen. Und er kommt in der Bestzeit, Michael Jung! Vive la France! Das ist sein Champ de Mars zu den Herzen der Reitsportfans eines Michael Jung!‘
Mein Magen meldet sich wieder, daher feuere ich einen weiteren Kalauer ab: „Nicht alles, was hinkt, ist auch ein Vergleich. Und wie umfassend ist denn ein ‚hippologischer Vollgenuss‘?“, frage ich, noch ganz überwältigt von der Wortgewalt, die mich irgendwie an Andre Rieu erinnert. „Wer genießt denn hier? Sostmeier? Der Zuschauer? Die Zuschauerin? Der Reiter? Das Pferd? Das Internationale olympische Komitee?“
„Du hast die Familien vergessen, bei diesen Olympischen Spielen werden von den Reportern stets die Familien einbezogen. Haben sie zugeschaut? Was haben sie bei den Erfolgen gefühlt? Und im Gegensatz zu manchen Berichterstattern kennt Sostmeier ja die Familie (u. a. wegen der Filmproduktion – siehe oben). Und daher bekommt man auch alles mit, was dem Zuschauer in seiner emotionalen Beteiligung wichtig ist. Beim Sieg der Dressurreiterin von Bredow-Werndl erfahren wir beispielsweise:
‚Ihr Mann ist da, also Max von Bredow. Ich hatte vorhin überlegt: Ist das Benny, ihr Bruder, weil, Max hatte die Hände so vor dem Gesicht, hat genau wie sein Schwager gerne mal so einen Drei-bis-fünf-Tage-Bart. Es ist Max, also ihr Mann, und der ist ihr Support, ihr bester Unterstützer, ihr Glücksbringer und hat mitgefiebert. Aber seine Geste, schon allein bevor es losging, hat gezeigt, was er auch schon erahnte, dass es so knapp werden könnte … Und hier kommen sie jetzt, zu den Pflegern. Es ist oft nur ein einziges Lächeln am Tag, was einen Menschen unwahrscheinlich glücklich machen kann.“
Ein einziges Lächeln zeigt sich auf meinem Gesicht, weil ich sehe, wie gerührt mein Wein ist.
„Und du möchtest wirklich von Sostmeier besprochen werden? Sollten wir nicht lieber auf Medaillen verzichten und uns unser reines Gemüt bewahren? Ich mache dir folgenden Vorschlag: Wir verteilen Medaillen, auch das kann einen Menschen unwahrscheinlich glücklich machen. Geben ist seliger als Nehmen.
Der journalistische Ziehvater von Carsten Sostmeier war die Sportschau-Legende Ady Furler, Galoppsport-Experte und damit Repräsentant einer anderen Sportart, der das Tierwohl am Herzen liegt. Furler hat vor mehr als 60 Jahren die Wahl zum Galopper des Jahres vorgeschlagen. Leider findet diese Wahl im Gegensatz zum Tor des Monats nun nicht mehr in der Sportschau statt.
Was hältst du davon, diese Tradition aufzugreifen und jährlich die Autorin, den Autor zu küren, der am weitesten an einer gelungenen Metapher vorbeigaloppiert? Vorschläge aus dem Bereich der Psychotherapie, der Beratung oder dem Coaching sind ebenso willkommen wie Beispiele aus dem Sport. Und dann laden wir Sostmeier als Laudator ein!“
Auch mein Wein lächelt nun, aber gequält. − Es ist wohl noch ein Stück Arbeit, ihn von meinem Vorschlag zu überzeugen.
Warburgs Ellipse
„Wir haben ja schon viel miteinander geklärt“, sage ich meinem Wein. „Wir haben darüber gesprochen, was du bist, wer du bist und anfänglich auch darüber woher du kommst.“
„Also fast alle großen Fragen der Menschheit“, antwortet mein Wein. „Aber hattest du der Weinkommission nicht zugesagt, bei mir auf alle Klärungsprozesse zu verzichten?“
„Bitte nicht schon wieder kalauern!“, sage ich. „Im Übrigen habe ich nur gesagt, ich wolle auf die nicht natürlichen Klärungsprozesse verzichten.“
„Natürlich“, sagt mein Wein.
„Also alles klar?“, frage ich.
„Natürlich nicht!“, antwortet er. „Die letzte große Menschheitsfrage steht noch aus: Wohin gehen wir?
Woher ich komme, weiß ich. Auch ist mir in Erinnerung, dass ihr bei meiner Ernte die Schlange in einem Weinstock entdecktet.“
„Am Anfang war die Schlange … Habe ich dir übrigens schon erzählt, dass in meinem Buch ‚A votre santé‘ auch die Schlange von Beginn an …“
„Jaha, mehrfach“, unterbricht mich mein Wein.
„Also gut, woher du kommst, weißt du, aber nun die letzte große Frage der Menschheit: Wohin gehen wir?“
„Du hast mir einige Ängste genommen, als mir in den vergangenen Gesprächen deutlich wurde, dass ich derselbe bleibe, auch wenn ich nur in der einzigen Flasche bleibe, die du von mir behältst. Du behältst mich doch?“
„Versprochen ist versprochen“, sage ich. „Du bekommst ein Etikett, das deine Einzigartigkeit und deine Zugehörigkeit bezeugt. Und für mich bist du nicht nur der 22er Collioure, sondern auch der Schlangenwein.
Und bei jeder Weinprobe mit dir, bei der ja erzählend deine Identität bestätigt wird, werde ich auch von der Schlange berichten.“
„Hat dir bei deinen Geschichten eigentlich schon mal jemand gesagt, dass auch beim Erzählen manchmal weniger mehr ist? Vor allem bei einer Weinprobe?“
„Du wolltest doch wissen, wohin wir gehen“, versuche ich abzulenken.
„Gut, wohin gehen wir?“
„Ein Teil von dir bleibt hier, und ein anderer Teil wird mit mir nach Heidelberg kommen. Der Keller dort bietet bessere Reifungsbedingungen. Und wenn wir Glück haben, wirst du bei vielen Weinproben und bei vielen kulinarischen Anlässen besprochen und bestimmungsgemäß einverleibt. Und ein zentraler Gesprächsgegenstand wird deine Identitätsentwicklung sein.“
„Du weißt, wie ich das Teile-Konzept hasse. Ich komme nur unter einer Voraussetzung mit“, sagt mein Wein.
„Und die wäre?“
„Ich brauche den Rahmen für meine Identitätsentwicklung. Wenn du schon gerne so viel erzählst, dann bitte jetzt eine Geschichte, zu der ich die Vorgaben mache. Ich möchte gerne zuvor gehört werden. Und ich kann mich nur dann zufriedenstellend weiterentwickeln, wenn ich mich im Heidelberger Cave wohlfühle.“
„An welche Vorgaben denkst du?“
„Also zunächst natürlich der Bezug zu Coaching und Weinberg. Und wenn ich schon der Schlangenwein bin, dann bitte die Schlange – im Eingangskapitel deines Buches hast du sie ja schon mit dem Coach gleichgesetzt. Und wenn ich schon in der Flasche bin, dann bitte noch etwas zum Etikett und den Problemen des Etikettierens. Und als besondere Herausforderung diesmal auch etwas zur Ellipse.“
„Warum denn Ellipse?“
„Du erinnerst dich, dass neulich dein Lieblingslektor in Bezug auf deine Blogbeiträge deine elliptischen Erzählstrukturen erwähnte.
Ach ja, und jetzt fällt mir noch etwas ein: Die Ereignisse der Geschichte sollten unabhängig verifizierbar sein; eine deiner Töchter berichtete mir neulich, dass man bei dir nie wisse, was Dichtung und was Wahrheit ist.
Und wenn wir schon bei Dichtung und Wahrheit sind: Goethe sollte diesmal nicht erwähnt werden. An den einen oder anderen Philosophen im Text muss ich dich ja nicht erinnern. Und wenn wir schon nach Heidelberg sollen, dann Philosophen, die zumindest den dortigen Philosophenweg kennen.“
„Also los! Ich mag komplexe, anspruchsvolle Weine, und was Dichtung und Wahrheit betrifft: Ich werde die Geschichte so wahrhaftig konstruieren, wie man komplexe Geschichten nur ‚unabhängig verifizieren‘ kann.
Unsere Geschichte beginnt vor ziemlich genau 100 Jahren. Ein Jurist, seines Zeichens Landeskommissär – wie schon sein Vater – und Disziplinarbeamter der Universität Heidelberg, sowie seine Ehefrau, beschließen, auf der anderen Seite vom Neckar in Handschuhsheim ein Haus zu bauen. Und da der Architekt zur damaligen Zeit – wie mir des Kommissärs Tochter erzählte – nach Kubikmetern bezahlt wurde, ergab es sich auf wunderbare Weise, dass auch ein recht tiefer Keller geplant wurde. Dies war dem Bauherrn Recht, denn sein Großvater war, wie sein Onkel, Weingutsbesitzer im Südbadischen, und die familiären Kontakte waren wohl intensiv. Für unsere Geschichte ist nun ebenfalls bedeutsam, dass seine Gattin eine geborene Binswanger war, die Schwester des Psychiaters Ludwig Binswanger (dem Jüngeren).
Du siehst“, sage ich meinem Wein, „wie ich versuche, die Kurve zu kriegen: Er Spross einer traditionsverhafteten Winzerfamilie, sie aus einer ebenso traditionsreichen Psychiaterfamilie.“
„Wenn schon Kurve“, sagt mein Wein, „dann darf ich dich bitte an die Ellipse erinnern.“
„Die kommt schon noch“, entgegne ich, „nur Geduld! Während das Haus nun seiner Vollendung zustrebt, tut sich auch etwas bei Bruder Binswanger in Kreuzlingen. Der hatte, nach seiner Ausbildung u. a. im Burghölzli bei Eugen Bleuler und dessen Oberarzt Carl Gustav Jung – bei dem er auch promovierte – nach dem Tode seines Vaters Robert Binswanger die private Heilanstalt Bellevue übernommen. Sein Onkel Otto und sein Vetter Kurt Binswanger unterstützten ihn dabei. Durch die Vermittlung C. G. Jungs hatte Ludwig schon ein paar Jahre vorher einen engen Kontakt zu Sigmund Freud, der dann auch einige seiner Patienten ins Bellevue überwies. Auch dies hatte schon eine gewisse Tradition, da bereits sein Vater Robert eine gewisse Berta Pappenheim, besser bekannt als Anna O. in Freuds Schriften, behandelte. Allerdings wohl ebenso erfolglos wie schon zuvor bei der Behandlung durch Breuer.“
Trotz aller Erzählfreude spüre ich, wie mein Wein unruhig wird: „Denk dran, dass du noch Schlange, Ellipse, Weinberg und Coaching einbauen musst; die Philosophen will ich schon gar nicht mehr erwähnen.“
„Lass mich nur kurz erläutern, warum das Bellevue für viele Patienten und auch fortschrittliche Psychiater so interessant war. Bereits der Großvater, Ludwig Binswanger (d. Ä.) stand den damals gängigen Therapiemethoden wie Lobotomie, Elektrokrampfbehandlung, aber auch Hypnose, sehr distanziert gegenüber; andere Konzepte der Zeit, wie balneo-, milieu- und familienorientierte Verfahren versuchte er hingegen zu integrieren. Sein Enkel Ludwig (d. J.) entwickelte die Psychoanalyse zur Daseinsanalyse weiter, indem er sich mit den phänomenologisch-ontologischen Strömungen der Zeit, etwa Husserl und vor allem Heidegger auseinandersetzte, dessen Begriff des „In-der-Welt-Sein“ ihn dazu veranlasste, den „Weltentwurf“ der Patienten in sein therapeutisches Konzept zu integrieren.“
„Aha“, sagt mein Wein, „da sind ja schon mal zwei Philosophen.“
„Ja, vor allem war dadurch die Klinik nicht nur eine reformpsychiatrische Einrichtung für gehobene Stände. Auch die Sinngebungen durch handelndes In-der-Welt-Sein machten den Ansatz für viele attraktiv. Und so verwundert es auch nicht, dass in der Folgezeit zahlreiche Prominente, die möglicherweise an ihrer Sinnsuche zu zerbrechen drohten, im Bellevue Aufnahme fanden. So etwa der Tänzer Vaslav Nijinski, der Schauspieler Gustaf Gründgens oder der Maler Ernst Ludwig Kirchner. Der letztgenannte, kriegstraumatisiert, drogenabhängig und mit Lähmungserscheinungen an den Händen, erhielt 1917/18 in der Klinik Unterstützung in seiner künstlerischen Arbeit. Er schuf Holzschnitte u. a. der Ärzte, Pfleger und Mitpatienten und stabilisierte sich mit therapeutischer Begleitung. Die sinnsuchende Aktivität schien – zusammen mit den nahezu familiären Kontakten, denn auch Binswangers Schwiegermutter beteiligte sich und wurde von Kirchner portraitiert – diesen Stabilisierungsprozess zu begünstigen.“
„Du schweifst ab“, unterbricht mich mein Wein. „Denk an die Vorgaben!“
„Nun, der familiäre Umgang mit den Patienten – der war schon seit Längerem ein Merkmal therapeutischen Handelns in der Familie Binswanger – wurde um die Anregungen zu sinnstiftenden Aktivitäten, zu einem anderen ‚In-der-Welt-Sein‘, Diese Erkenntnis verfestigte sich zunehmend in den Jahren, in denen seine Schwester in Heidelberg das Fundament für den (Wein-)Keller und das Haus legte. Gleichzeitig kamen Zweifel an der Wirksamkeit psychoanalytischer Strategien auf. Es ist nicht bekannt, ob diese Behandlungsform zu diesem Zeitpunkt noch vornehmlich praktiziert wurde. Ein Brief an Manfred Bleuler aus dem Jahre 1954 lässt dies jedoch vermuten: ‚(...) ich glaubte, man könne jeden Fall mit Psychoanalyse heilen, vorausgesetzt, dass man genügend Zeit für die Behandlung hätte. Ich brauchte fast zehn Jahre, um mich von diesem Irrtum zu befreien‘ (zitiert nach Theiss-Abendroth https://doi.org/10.4414/sanp.2018.00536).
Und diese zehn Jahre sind erreicht, als ein neuer Patient ins Bellevue überwiesen wird: Aby Warburg (1866–1929).
Abraham Moritz Warburg entstammte der Banker-Familie der Warburg Bank in Hamburg – ich erspare uns jetzt den Schwenk zum Cum-Ex-Skandal. Er sollte als Erstgeborener in die Fußstapfen seines Vaters treten, verzichtete aber zugunsten seiner jüngeren Brüder darauf, wenn diese ihm zusicherten, stets für die Beschaffung und Unterbringung seiner Bücher zu sorgen, die seinem wissenschaftlichen Interesse entsprächen. Heute würde man sagen, diese Interessen bezogen sich auf die Kulturwissenschaften im weitesten Sinne, und in der Tat ist Aby Warburg einer der prominentesten und innovativsten Vertreter dieser Fachrichtung geworden. Und er war sicher einer der unkonventionellsten. Seine Abmachung mit den Brüdern – das bibliophile Linsengericht – erlaubte es ihm, eine umfangreiche Bibliothek aufzubauen. Zunächst beschäftigte er sich mit kunstgeschichtlichen Studien, bald jedoch interessierte er sich für symbolische und ikonografische Elemente in den Weltentwürfen der Künstler über die Antike, die Renaissance bis hin zu den rituellen Praktiken der sogenannten Naturvölker. Ähnlich wie Kirchner litt Warburg unter den Erfahrungen des ersten Weltkriegs. Schon als Kind war er labil und aufbrausend, eine Typhuserkrankung hatte ihn körperlich geschwächt, und wie viele Kinder dieser Altersstufe litt er unter starken Alpträumen und wiederkehrenden Fieberphantasien. In seinen autobiographischen Aufzeichnungen, vielleicht von Binswanger angeregt, schreibt er:
‚Von dieser Zeit her habe ich die Bilder der Fieberphantasie mit einer Deutlichkeit behalten, die mir sie wie gestern eingeprägt vorkommen lassen (…).Aus dieser Zeit stammt die Furcht, die durch unproportioniert zusammenhangslose Bilderinnerungen oder Sinnesreize der Geruchs- und Gehörorgane hervorgerufen wurden, die Angst, die das Chaos hervorruft, der Versuch, intellektuell Ordnung in dieses Chaos zu bringen – ein Versuch, der ja als der tragische Kindheitsversuch des denkenden Menschen überhaupt bezeichnet werden kann – begangen also sehr früh und viel zu früh für meine nervöse Konstitution.‘
Mit Einsetzen der Pubertät wurde Warburg depressiv, er hatte ständige Befürchtungen, an Krankheiten, vor allem an Tollwut sterben zu müssen. Einer seiner Klassenkameraden starb an einer ähnlichen Infektion.
Gleichzeitig bedrängten ihn die religiösen Rituale des Elternhauses, er weigerte sich, daran teilzunehmen, und in diese Zeit – Aby war 13 Jahre alt – fällt auch der ‚Verkauf‘ seines Erstgeburtsrechts für eine fortlaufende Bücherspende an seinen jüngeren Bruder Max.
Der Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 beunruhigte ihn, er fühlte sich und seine Familie zunehmend von Antisemiten und Bolschewiken bedroht. Eines Tages ergriff er eine Pistole, um mit einem gemeinsamen Suizid den akuten Bedrohungen zuvorzukommen. Diese Aktion führte zu einer Einweisung in eine Hamburger Privatklinik, die ihn aber nach einem halben Jahr wieder entließ. Da sein Zustand zu Hause untragbar erschien, brachte ihn die Familie in die Psychiatrie nach Jena, deren Ordinarius ursprünglich Otto Binswanger war. Dessen Nachfolger, Hans Berger, der Erfinder des EEG, erstellte die Diagnose einer Dementia praecox bzw. schizophrenen Psychose. Nach einem halben Jahr bat Berger um Übernahme des Patienten ins Bellevue nach Kreuzlingen, da Warburgs ständiges Schreien nicht zu ertragen sei.
Auch im Bellevue zeigt sich Warburg wenig kooperativ, hochgradig agitiert und gewaltbereit. Binswanger versucht ihn auf sein Arbeitsfeld anzusprechen und ihn zu einer konkreten Beschäftigung mit seinen Interessen zu ermutigen. Warburg verbittet sich diese ganze ‚Binswangerei‘. In seinen ruhigeren Phasen nimmt er allerdings – das war ja Teil des Behandlungskonzepts – am Familienleben teil. Insgesamt zeigt sich Binswanger nicht sehr optimistisch im Hinblick auf die Heilungschancen, wie einem Briefwechsel mit Freud und auch der Familie Warburg zu entnehmen ist. Die Warburgs möchten daraufhin eine Zweitmeinung über Abys Zustand einholen und beauftragen Emil Kraepelin mit einer weiteren Diagnose. Im Gegensatz zu Berger wird nun eine bipolare affektive Störung – schließlich hat Kraepelin das erfunden –, das manisch-depressive Irresein, konstatiert. Ein anderes Etikett also …“
„Endlich das nächste Stichwort!“, unterbricht mein Wein. „Jetzt willst du mir sicher deutlich machen, wie ein Stück Papier unser Selbstverständnis und die Anerkennung durch andere beeinflusst.“
„Ein anderes Etikett,“ fahre ich fort, „das zudem von Kraepelin mit Hinweis auf eine Veränderung der Symptome, also bessere Heilungschancen, verbunden wird. Mit dieser neuen Zuschreibung fasst Warburg neuen Mut.
Seine kunstgeschichtlichen Studien hatten sich mit Symbolen und affektregulierenden Gesten in den Darstellungen von der Antike bis zur Renaissance beschäftigt. Auf einer Reise in die USA hatte er die rituellen Tänze indigener Bevölkerungsgruppen (z. B. der Hopi) als symbolische Handlungen zur Bewältigung von Urängsten und Bedrohungen wahrgenommen. Warburg sieht sich bestärkt, dass seine chaotischen Bilder im Kopf und seine Zwangsrituale nicht irgendwelchen Wahnideen entstammen, sondern auch als Versuche gelten könnten, mit den bisherigen Traumatisierungen und existenziellen Ängsten umzugehen. Und dass solche Ordnungsversuche durch Symbolbildung durchaus als entwicklungsspezifische Affektregulierungen – wie in der frühen Kindheit – angesehen werden können.
Im Austausch mit dem Verwalter seiner Hamburger Bibliothek, Fritz Saxl, und im Gespräch mit Binswanger, der ja – nicht erst seit Kirchners therapeutischen Fortschritten – in „sinnsuchenden Aktivitäten“ eine wirksame Methode daseinsanalytischer Maßnahmen sieht, entsteht nun die Idee, in der Kreuzlinger Heilanstalt vor geladenen Gästen einen Bilder-Vortrag über seine Reise zu den Hopi anzubieten. Warburg hat eine sinnstiftende Aufgabe, der er sich nun stellen muss.
Seine Reflektionen über die Rituale der Ureinwohner Amerikas, vor allem das Schlangenritual, geben ihm Anlass, Symbolbildungen und Rituale als bedeutsame Hilfen für die individuelle wie stammesbezogene Überwindung von Aberglauben, Urängsten und damit verbundenem Chaos zu sehen.
Die unerwartet positive Resonanz dieses Vortrags bestärkt Warburg darin, seine kulturwissenschaftlichen Forschungen wieder aufzunehmen. Unterstützt in seinen Untersuchungen zu Ritualen und Symbolen wird er zudem vom Hamburger Philosophen Ernst Cassirer, der auf Warburgs Bibliothek und deren Systematisierungen aufmerksam gemacht worden war, sie häufig frequentierte und Kontakt mit dem Begründer aufnehmen wollte. Cassirer hatte das symbolische Denken ins Zentrum seiner philosophischen Überlegungen gestellt. Er sah darin das ‚Denken, das die natürliche Trägheit des Menschen überwindet und ihn mit einer neuen Fähigkeit ausstattet, der Fähigkeit, sein Universum immerfort umzugestalten‘ (Cassirer 1990, S. 100). Symbolisierungen also auch hier als Versuche, sich aus der Unmündigkeit vielfältiger Urängste und dem Chaos frühkindlicher Erfahrungen zu befreien. Die Symbolisierung der Schlange und das bei den Hopi erlebte Bewältigungsritual sind ein Beispiel für die Externalisierungsmöglichkeiten und damit das Begreifen magischer und affektiver Inhalte.
Und sie zeigen in historischer Betrachtung auch das Bipolare solcher Symbole, bei der Schlange etwa das Vernichtende (Laokoon) wie das Heilende (Asklepios), im symbolischen Denken die Gleichzeitigkeit von magischen und rationalen Prozessen. Enthielt dann nicht auch Warburgs neue Diagnose der bipolaren Störung einen Hinweis auf die Möglichkeit eigenständiger Bewältigungsprozesse? Ein Symbol für das Bipolare ist die Abkehr von konzentrischen Weltbildern hin zur Ellipse mit ihren zwei Brennpunkten. Warburg hatte sich zuvor für die kulturellen Besonderheiten der Renaissance interessiert. Und hier hatte man ja mit den Entdeckungen der elliptischen Form von Planetenumlaufbahnen durch Johannes Kepler die Idee weiterverfolgt, dass es Freiheit im Kosmos gebe. Die Ellipse, so stellt Warburg fest – und er wird hierin durch Cassirer bestätigt –, war seit der Renaissance ein visuelles Symbol für die Freiheit des Willens, für die Freiheit des Denkens und der Wissenschaft, aber auch für die politische und bürgerliche Freiheit.
Und nicht zuletzt ist die Grundidee bipolarer Bezogenheit von magischem und analytischem Denken, von Glaube und Vernunft, ein zutiefst individuelles Konstrukt, das das Chaos im Kopf in kontrollierbare und begreifbare Bahnen lenken kann.“
„Du meinst also“, fragt mein Wein, „dass dies dein Lieblingslektor andeuten will, wenn er deine chaotischen Schreibversuche als elliptisch bezeichnet?“
„Wie auch immer. Die ‚Externalisierung‘ ambivalenter Affekte und Gedanken durch das Symbol der Ellipse bestärkt Warburg in dem Wunsch und in der Hoffnung, seine Studien wieder aufzunehmen und die Hamburger Bibliothek weiterzuentwickeln. 1924 wird er aus Kreuzlingen entlassen, in den Folgejahren vertieft er nicht nur die freundschaftlichen Gespräche mit Cassirer, sondern gibt seiner Bibliothek mit einem Nachbargebäude ein neues Zuhause. Der neue Hörsaal wird, nicht nur aus akustischen Gründen – wie wir uns denken können – in Form einer Ellipse gestaltet, die Lichtfenster in der Decke folgen ebenfalls dieser Form. Die Bibliothek wird zu einem Begegnungsort unterschiedlich kulturwissenschaftlicher Disziplinen. Hier setzt Warburg seine Arbeit an der Entwicklung moderner Kulturwissenschaften fort. Sein symbolischer Leitstern der Ellipse beschäftigt ihn auch weiterhin. Er korrespondiert diesbezüglich mit Thomas Mann, und im Jahre 1928 besucht er Albert Einstein in dessen Ferienort in Scharbeutz, um mit ihm über Kepler und die Bedeutung der Ellipse in den Naturwissenschaften zu diskutieren. Man kann nicht sicher sein, ob beide Warburgs eigentliches Anliegen nachvollziehen können, aber sie hören zu.“
„Die Schlange, die Ellipse, der eine oder andere Philosoph“, sagt mein Wein. „Die Anforderungen, die ich an deine Geschichte gestellt habe, sind wohl erfüllt. Aber welchen Bezug stellst du zum Coaching her“?
„Nun, zum einen wird an der Geschichte deutlich, wie Etikettierungen die Entwicklungsmöglichkeiten der Bezeichneten beeinflussen können und dass Etiketten und Diagnosen dann hilfreich sein können, wenn sie Hinweise auf künftige Entwicklungsmöglichkeiten enthalten. Auch dein Etikett“, sage ich meinem Wein, „wird die Beurteilung deiner Persönlichkeitsentwicklung und das, was von dir wahrgenommen wird, – auch im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung – beeinflussen.
Zum anderen ist an dem Kreuzlinger Vortrag deutlich geworden, dass ‚Externalisierungen‘ eine nachhaltige Strategie der Verhaltensänderungen sein können, vor allem wenn damit das innere Chaos bezeichnet und Ängste symbolisiert werden. Verstärkt wird es noch dadurch, dass der metaphorische Gehalt solch symbolischer Handlungen genutzt wird. In den Aufzeichnungen zu seinem Vortrag bietet Warburg das Bild des Seismografen an. Er ist ein Gerät, das selbst kleinste Erschütterungen durch Schreiben (!) sichtbar macht, d. h. externalisiert, und das ja auch dazu konstruiert wurde, ein Aufschaukeln chaotischer Zustände rechtzeitig eindämmen zu helfen. Die Angstforschung zeigt, dass wir dann mit beängstigenden Situationen besser umgehen lernen, wenn wir uns sensibilisieren, bereits erste Anzeichen wahrzunehmen und uns, bevor wir vollends überwältigt werden, auf unsere Ressourcen besinnen.“
„Das Bild des Seismografen gefällt mir“, sagt mein Wein, „das Gerät, das bereits erste Warnsignale in ‚Zeitenwenden‘ registriert. Und die beiden Pole der Erschütterung und des Schreibens in einen elliptischen Zusammenhang bringt.
Und es verweist auf einen zugrundeliegenden Kontext. Im Falle Warburgs habe ich das Gefühl, dass etwas mehr Kontextsensibilität den diagnostischen und therapeutischen Prozess begünstigt hätte. Wenn ich das richtig verstanden habe, wurde Warburg u. a. dadurch auffällig, dass er sich eine Pistole besorgte, um sich und seine Familie gegen ‚bolschewistische und antisemitische‘ Übergriffe zu schützen. Diese Befürchtungen waren am Ende des ersten Weltkrieges für einen Hamburger Bankierssohn nicht ganz unbegründet. Solche seismographischen Hinweise hätte man in der Beurteilung der – vielleicht übertriebenen – Reaktionen durchaus zur Kenntnis nehmen können.
Hier in Frankreich und bestimmt auch in Deutschland wird doch seit einiger Zeit diskutiert, ob man das Verhalten von überbesorgten Bürgern vielleicht als seismografische Ausschläge nachvollziehbarer Ängste und Verunsicherungen verstehen sollte. Uns kommt das als verschwurbelte Theorien und als irrationale und wahnhafte -ismen welcher Ausprägung und Zielrichtung auch immer vor, und wir sperren es deshalb mit dem ersten Kontakt aus unseren Diskursen weg. Aber viele sehen sich weniger als Schwurbler und Verschwörungstheoretiker sondern als Seismografen in einer ‚Epoche eines chaotischen Untergangs‘, und wir vertiefen die Kluft innerhalb der Gesellschaft nur noch mehr, wenn wir nicht ernsthaft über die zugrundeliegenden Bedingungen und die Veränderungsmöglichkeiten ins Gespräch kommen. Es fehlt uns der elliptische, bipolare Diskurs!“
„In vino veritas“, versuche ich den Redeschwall meines Weines zu stoppen, wohl wissend, dass ausführliche Erläuterungen anderer mich meistens dazu bringen, noch ausführlicher nachzulegen. „Du wirst deine Herkunft als diskursfreudiger Franzose wohl auch in deutschen Weinkellern nicht ablegen wollen.“
Ich versuche mir gerade zu überlegen, was wohl passiert, wenn ich in einem Coachinggespräch die seismografischen Angebote meiner Coachees in die Schubladen pathologischer Denkstrukturen stecke. Mir fällt das Buch Hoffnung und Resilienz von Short und Weinspach über die grundlegenden Therapiestrategien Milton H. Ericksons ein. Vielleicht sind es auch diese Kategorien, die Aby Warburg auf den Weg gebracht haben, ein befreites, wissenschaftlich kreatives Leben weiterzuführen.
„Sind wir jetzt beide ins Grübeln gekommen?“, fragt mich mein Wein. „Ich brauche noch einen Abschluss, wenn ich mir wünschen darf, eine elliptische Geschichte mit noch drei Philosophen und noch einem Argument, warum es für mich gut wäre, in den Heidelberger Weinkeller zu gehen. Und ‚in vino veritas‘: Sie sollte wahr sein.“
„Also gut“, sage ich. „Zunächst einmal sind in diesem noch jungen Jahrhundert zwei bedeutende Philosophen in Heidelberg gestorben, die das Haus – und vielleicht auch den Weinkeller – kannten. Einer von ihnen, Hans Albert, starb vor einem Jahr. Der andere, Hans Georg Gadamer, vor 22 Jahren. Und beide wurden 102 Jahre alt, es ist also eine Gegend, in der man würdevoll und voller Weisheit reifen kann.
Und der dritte Philosoph gibt mir die Gelegenheit, mit dem elliptischen Geschichtenkarussell abzuschließen:
Ernst Cassirer, der Gesprächspartner Aby Warburgs vor genau 100 Jahren, hatte einen Assistenten, Joachim Ritter, der später im berühmten Davoser Streitgespräch 1929 zwischen Cassirer und Heidegger Protokoll führte. Er habilitierte sich 1932 – trotz der Widerstände der Fakultät wegen seiner kommunistischen Vergangenheit – über ‚Neuplatonische Ontologie bei Augustinus‘. In dem Jahr der Emigration Cassirers unterzeichnete er das ‚Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler‘, war lange Jahre als Offizier an der Ostfront und bekam in dieser Zeit eine Professur für Philosophie an der Universität Kiel.
Als ich 1962 mein Psychologiestudium in Münster bei Wolfgang Metzger begann, hörte ich meine erste eindrucksvolle Philosophie-Vorlesung über Ontologie bei ihm, dem Begründer der ‚Ritter-Schule‘. Und als er 1968 starb, wurde er auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf beigesetzt, nicht weit von der Ruhestätte Aby Warburgs. Und als Ritters Frau vor nicht langer Zeit starb, wurden beide auf einem anderen Friedhof bestattet. Es ist der Friedhof, auf dem bereits drei Bewohner unseres Hauses liegen, die den Weinkeller gut kannten. Die Ruhestätten sind auch nur ca. 250m Luftlinie von unserem Haus entfernt“.
„Na dann“, sagt mein Wein, „planen wir unseren dritten Lebensabschnitt. Aber ich möchte noch nicht würdevoll reifen, ich möchte mich gehaltvoll entwickeln. Ich möchte, wie auch du, die beiden Brennpunkte meiner elliptischen Lebensgestaltung beibehalten: die Weinberge um Collioure und Heidelberg, an beiden Orten werde ich mich aufhalten und – wie du mit Weinberg und Coaching – hier und dort präsent sein.
Ich verstehe Aby Warburgs Schlussfolgerungen auch so, dass das Symbol der Ellipse in seiner Bipolarität nicht nur ein Spiegel der Welt ist, sondern mit den Polen von Magie und rationaler Bewältigung die Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen zu mehr Freiheit widerspiegelt. Um es profan auszudrücken: Meine Identitätsentwicklung – und damit das, womit wir in Zukunft unsere Genusspartner überraschen –, geschieht im Wechselspiel zwischen südfranzösischer Sonne und den feucht-kühlen Bedingungen eines tiefen Heidelberger Kellers. Es ist ein ständiges Kreisen um diese beiden Brennpunkte, das mich unvorhersagbar und damit frei und zukunftsfähig macht. Vielleicht ist es ja auch für dich und deine Coachingpartner hilfreich, wenn du in die narrativen Elemente deiner Gespräche häufiger bipolare Sichtweisen und elliptische Strukturen integrierst. Vielleicht ist das ja eine Voraussetzung dafür, dass dynamische und hilfreiche Metaphern generiert werden können.
Und solltet ihr dann erfahren, wie spielerisch und überraschend in solchen Gesprächen neue Handlungsmöglichkeiten generiert werden: Vergiss nicht, dich bei deinem Lieblingslektor zu bedanken.“
Literatur:
Short, Dan und Claudia Weinsbach (2017): Hoffnung und Resilienz. Heidelberg (Carl-Auer).
Warburg, Aby (1988): Schlangenritual. Ein Reisebericht. Hg. von Ulrich Raulff. Berlin (Wagenbach).
Warburg, Aby (2010): Werke. Hrsg. und kommentiert von Martin Treml, Siegrid Weigel u. Perdita Ladwig. Berlin (Suhrkamp).
Glühwein
Mein Lieblingslektor erwartet von mir, dass ich mindestens einmal im Blog einen Kalauer mache.
Erzähl mal!
„Da bist du ja schon wieder!“, sagt mein Wein. „Wolltest du nicht deinen Erziehungsmaßnahmen im Weinberg nachkommen?“
„Doch nicht bei dem Wetter, es ist gefühlt -5° bei diesem kalten Tramontane.“
„Und was willst du dann hier im Cave? Willst du dich aufwärmen?“
„Was macht es mit dir, wenn ich sage, ich vermisse das Gespräch mit dir?“
„Hast du nicht selbst gesagt, ich solle mal mehr mit meinem neuen Partner Mourvèdre sprechen? Wozu sonst die Assemblage?“
„Schon gut, aber ich werde doch noch mal fragen dürfen, wie es euch damit so geht. Noch fühle ich Verantwortung für euch.“
„Na dann frag doch mal!“
„Also gut: Wie geht’s dir denn mit der Assemblage?“
„Frag mich nicht, frag mich nicht … Ich glaube, ich bin verwirrt. Letztens hast du von wichtigen Schritten in der Identitätsentwicklung gesprochen. Also haben wir auch darüber gesprochen, was wir jetzt sind. Aber eigentlich wüssten wir gerne, wer wir sind. Und, um mal zu kalauern, wenn ja, wie viele? Bin ich noch dein Wein? Bin ich dein Wein und Mourvèdre? Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Wir haben vor allem darüber gesprochen, was so bei uns im restlichen Körper vorgeht.“
„Nicht untypisch für den Entwicklungsschritt. Aber erzähl mal, wie ihr euch so seht.“
„Erzähl mal, erzähl mal! Wir wollen Aufklärung und keine Märchenstunde!“
„Aber eine Märchenstunde wäre jetzt genau das Richtige! Du willst, wenn ich dich richtig verstanden habe, nicht wissen, was ihr seid, sondern wer ihr seid bzw. wer du bist. Schon der deutsche Philosoph Walter Benjamin hat das Märchen zum ‚ersten Ratgeber der Menschheit‘ erklärt. Und damit meinte er, dass diese Erzählform eine der ältesten und frühesten Möglichkeiten ist, zum eigenen Identitätsbewusstsein und damit zum Selbstkonzept beizutragen.“
„Ist das der Benjamin, den ich kenne? Die älteren Stöcke in unserem Weinberg haben erzählt, dass er vor ungefähr 80 Jahren als Winzer verkleidet bei uns vorbeigekommen ist.“
„Ja, das war sein Weg auf der Flucht über die Grenze. Und er ist von unserem Dorf aus gestartet.“
„Jetzt, wo du es so erzählst, macht es schon was mit mir: Der alte Benjamin und meine Vorfahren! Und ich bin froh, dass du diesmal nicht mit den postmodernen französischen Philosophen startest.“
„Warte ab, mir wird schon noch einer einfallen. Aber jetzt möchte ich dir erst mal durch gemeinsames Erzählen deutlich machen, wie wir der Frage, wer du bist – und eventuell wie viele – näherkommen können. Jedenfalls haben wir in Benjamins Kindheitserinnerungen Berliner Kindheit um 1900 einige Beispiele für das Selbstverständnis des Autors, beispielsweise in der Geschichte vom ‚bucklicht Männlein‘, und sie lassen erahnen, wie diese ersten Geschichten – seien sie auch noch so grausam und die darin enthaltene Moral auch noch so plakativ – das Selbstbewusstsein und damit die Identitätsentwicklung von Heranwachsenden prägen. Und so tragen auch Erzählungen und die Art ihrer Vermittlung gerade dazu bei, nicht nur zu begreifen, was wir sind, sondern auch wer wir sind.“
„Ach, du bist auch so ein ‚Narrativer‘! Es gibt ja heute nichts mehr an Sprechblasen, was nicht gleich als Narrativ bezeichnet wird. Noch so ein Modewort, das durch Ausweitung seines Umfangs zunehmend an inhaltlicher Trennschärfe verliert, so wie neulich noch ‚Diskurs‘. Wenn alles Diskurs ist, dann hilft doch nur noch Klappehalten, wenn alles ein Narrativ ist, dann gute Nacht!“
„Ich gebe dir Recht. Auch eine Biersorte hat neulich in den USA ihr großes „Einwanderer-Narrativ“ verbreitet. Wusstest du übrigens, dass eines der großen US-Narrative, dass seit den Gründervätern jeder freie Amerikaner ein unverbrieftes und notwendiges Recht auf Schusswaffen habe, historisch unhaltbar ist und zu sicherlich mehr Toten geführt hat als unser neoliberales „Ich-bin-so-frei“-Narrativ: Freie Fahrt für freie Menschen. All dies Narrativ-Gedöns diskreditiert nur die entwicklungsnotwendige Macht erzählter Geschichten. Ja, ich bin ein Anhänger der narrativen Therapie von White. Aber ich sehe mich eher in der Tradition von Milton H. Erickson und meinem Freund Bill O’Hanlon als Storyteller, als Geschichtenerzähler. Aber auch hier entwickelt sich der Storytelling-Ansatz, wie er so kreativ bei uns etwa von Geislinger konzipiert wurde, im Bereich des Coaching und des Marketing schon wieder inflationär.“
„Ich weiß nicht, was du gegen Bier hast“, sagt mein Wein. „Du weißt, dass die Erntehelfer Statt der drei Liter Wein, die ihnen täglich zustehen, lieber zum Abschluss ein kaltes Bier haben wollen. Und was die Wein-Narrative betrifft: Unsere Cooperative Cave aux Templiers bedient sich ja bei den Tempelrittern auch eines Ur-Väter-Motivs. Und wo du die US-amerikanischen Gründerväter erwähnst: Bei den gegenwärtigen Streiks und Manifestationen wird doch deutlich, wie Narrative deren Verlauf und deren Selbstverständnis beeinflussen. Vergleich doch mal die amerikanischen waffenstrotzenden Erstürmungen mit den französischen Streiks, die ihre Barrikadenmentalität aus den Errungenschaften ihrer Revolution ableiten! Und wenn ich dann nach Deutschland schaue: Neulich musste euer Bundespräsident erst einmal an 175 Jahre Revolutionsversuche erinnern, ehe einige bereit waren, Streiks und Klimaproteste nicht mehr als Ordnungswidrigkeiten anzusehen. Im Übrigen werde ich das Gefühl nicht los, dass du dich hier doch nur aufwärmen willst, während du uns zutextest.“
„Uns?“, frage ich. „Du weißt also schon, wie viele Du bist? Meine Absicht ist, dir deutlich zu machen, wer du bist, indem du dir Geschichten anhörst. Vor allem Geschichten über dich. Und dazu gehört sicher auch, dass uns dabei warm wird. Wenn die Geschichten dich nicht erwärmen würden, hätten sie wenig Einfluss. Es kommt also auch darauf an, wie sie erzählt werden. Und eh ich es vergesse: Du bist doch sicher immer noch gespannt, wie ich die französischen postmodernen Philosophen in diesem Text unterbringe. Also gut, hier ist der erste: Jean-François Lyotard, der Gründervater der Postmoderne. Auch bei Narrativen lag, wie schon bei der Assemblage-Theorie im vorigen Blogeintrag, ein Übersetzungsproblem vor. Lyotard sprach von den „grand recits“, den philosophischen Metaerzählungen in der Folge von Kant und Hegel, die es in der Postmoderne zu überwinden galt. Als angemessene Übersetzung dieser großen Erzählungen im angloamerikanischen Sprachraum galten nun nicht das etwas saloppe Storytelling, sondern die gewichtigeren „grand narratives“. Und da bald jedes Narrativ, mit dem man sich in der Folgezeit beschäftigte, irgendwie groß war, schrieb und sprach man bald nur noch von Narrativen. Das machte es auch einfacher, den Begriff gehörig aufzublähen. Bei dem vorhin erwähnten Kindertherapeuten White war es noch die ursprüngliche, im Englischen wie im Deutschen seit Jahrhunderten benutzte Bedeutung des Erzählens und Geschichtenerfindens. Es waren die kleinen, aber feinen Erzählungen, die individuelle Identitätsprozesse erleichterten, ja erst ermöglichten. Und viele Autoren, von Walter Benjamin bis Michael White, machten sich Gedanken darüber, wie Erzählungen wirken, damit Leser und Zuhörer eine Ahnung davon erhalten, wer sie denn seien. Wenn du also wissen willst, wer du bist, dann lass dir erzählen, und vor allem: Lass dir von dir erzählen und lies nicht diese Kaffeefahrt-Philosophien, die bestenfalls etwas Historisches über andere anbieten – und vielleicht etwas darüber, was der Mensch denn so ist oder sein könnte.“
„Das heißt, dein In-der-Nähe-Sein dient nicht nur dazu, dass du dich an und mit mir aufwärmst. Du bist als einbindende Kultur noch in der Nähe, um mir (oder uns) zur Selbsterkenntnis zu verhelfen, wer ich denn bin – und vielleicht auch wie viele? Und das durch Erzählen? Mir wird erzählt, also bin ich?“
„Also, wo soll ich anfangen? Du merkst, dass ich nichts unversucht lasse, deine Aufmerksamkeit zu erreichen. Eine offene Frage soll auch bei dir Suchprozesse auslösen: Na, womit wird er nun anfangen?“
„Also fang schon an und verschon mich mit deinen Metaüberlegungen! Solange du nicht noch mehr regredierst und beginnst: „In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat …“ Versuch mal lieber auf den Punkt zu kommen, zunächst interessiert mich das Wie des Erzählens überhaupt nicht. Also, was willst du mir sagen? Und im Übrigen: Ich halte dich zwar nicht für einen Kaffeefahrt-Philosophen, aber mehr als ein Weinproben-Philosoph bist du ja nun auch nicht.“
„Also gut, dann mal anders: Ich erzähl dir zunächst, wie ich mich der Frage genähert hab, wer ich bin.“
„Bist du denn auch eine Assemblage?“
„Zunächst habe ich mich gefragt: Was ist das Besondere des Menschen?“
„Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das in zehntausend Meter Höhe ein Glas Rotwein zu sich nehmen kann, wie Loriot definiert haben soll.“
„Eine Möglichkeit, aber könnte das nicht auch ein Affe, der dort oben mit dem Flugzeug transportiert wird, vorausgesetzt, er mag dich?“
„Meinst du, mich zu mögen hat etwas mit Vernunft zu tun?“
„Es gibt Leute, die das bezweifeln, und es gibt zahlreiche Beobachtungen, nach denen sich nicht nur Affen, sondern auch andere Säugetiere und sogar Vögel ganz ohne Vernunft besoffen haben.“
„Also du meinst, der vernunftbezogene Gebrauch von Rotwein ist nur dem Menschen eigen? Daran zeigt sich der Mensch als vernunftbegabtes Wesen?“
„Du bringst mich noch um den Verstand!“
„So wie ich gehört habe, wärst du nicht der erste, den der Wein um den Verstand gebracht hat …“
„Aha, du weißt also, was du bewirken kannst! Dieses Wissen über deine Identität hast du aus einer Erzählung über dich. Du bist jemand, der andere anregen oder berauschen kann, glücklich machen oder um den Verstand bringen kann. Du bist Wein.“
„Hast du deshalb in den letzten Monaten so viel mit mir gesprochen?“
„So selbstlos bin ich ja nun auch nicht. Auch ich habe dir zugehört, und jedes Gespräch hat zu meiner eigenen Identitätsfindung beigetragen, zumindest als Coach im Weinberg.“
„Du meinst also, dass Identitäten sich ständig verändern?“
„Ja und nein. Soll ich dir das mal mit einem weiteren französischen Postmodernen erklären oder lieber anhand des alten Holzfasses, das hier neben dir liegt.“
„Du meinst das, wo Rancio draufsteht? Erst mit dem Postmodernen, dann haben wir es hinter uns.“
„Also gut. Erst Ricoeur, dann Rancio.“
Mein Wein lächelt gequält und signalisiert mir, dass er meine Kalauer nicht mag. „Soll ich auch mal Kalauern: Wer Sorgen hat, hat auch Ricoeur.“
„Paul Ricoeur unterscheidet zwei Arten der Identität: Das gleichbleibende ‚idem‘, also das Konzept, ‚derselbe‘ zu sein, und der Aspekt des ‚ipse‘, des ‚man selbst‘ zu sein. Wenn wir uns als derselbe erleben, bestätigen wir unsere Kohärenz. Wir erleben uns als vorhersagbare und zuverlässige Person. Und im Umgang mit anderen präsentieren wir uns auch gerne selbstbewusst als diese kohärente Persönlichkeit. Und doch gehört zum Bewusstsein des ‚man selbst‘, dass wir neue Erfahrungen und Erzählungen über uns abgleichen. Indem wir darüber reflektieren, lernen wir dazu: Wir verändern uns. Eine Grundidee des Beratungsansatzes nach Carl Rogers ist nach meiner Wahrnehmung, die Kohärenz stimmig mit neuen Erfahrungen abgleichen zu können, wenn Diskrepanzen unsere Identität bedrohen. Und was wir in unserem lösungsorientierten Vorgehen versuchen, ist, mit Fragen und Geschichten Reflexionsprozesse in Gang zu setzen, die allzu sperrige Kohärenzen auflösen helfen. ‚Über unsere eigene Kohärenz nachdenken zu wollen, löst eben genau diese auf‘, schreiben El Quassil und Karig in ihrem lesenswerten Buch Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Und sie fahren fort: ‚Für Ricoeur drückt sich das darin aus, dass wir als Menschen versuchen, anderen eine Kohärenz unserer Selbst anzubieten. Das, was die dialektische Beziehung der beiden Pole idem und ipse aufrechterhält, ist das narrative Selbst. Diese Vorstellung basiert auf der Idee, dass sich jedes Individuum erst konstituiert, indem es immer wieder neu von sich erzählt. Es ist keine objektive Geschichte, sondern eine, die ich als Autor und Leser meines eigenen Lebens über mich selbst erzähle. Die persönliche Identität konstituiert sich also im Zuge der von ihr produzierten, immer wieder integrierten Narrative. Dabei ist das Selbst weit davon entfernt, sich in einem harten Kern zu fixieren‘ (2021, S. 94 f.). Und um noch einmal Ricoeur zu zitieren, diesmal aus einem Feature des SWR: ‚Die Identität der Menschen und auch die Identität einer Gemeinschaft entsteht aus der Geschichte heraus, die diese gemeinsam erleben und die sie sich einander erzählen. Darum ist die Identität eines jeden mit den Identitäten aller Anderen eng verbunden. Denn nur weil ich weiß, dass auch der Andere tief in mir lebt und dass ich mich auch selbst über diesen Anderen, der in mir lebt, definieren muss, nur das führt dazu, dass ich mich dann tatsächlich selbst entdecken und verstehen kann‘ (Paul Ricoeur, 2013). Was das empathische Spiegeln in Rogers’ Beratungskonzept anbietet, entspricht es wahrscheinlich dem Grundbedürfnis des Menschen nach sozialer Wahrnehmung seiner selbst. Ich könnte mir vorstellen, dass dies auch Befunde der Resilienzforschung nahelegen, dass resiliente Heranwachsende trotz widriger Umstände häufig Bezugspersonen hatten (Großeltern, Lehrer usw.), die Erzählungen anboten, um die Identitätsentwicklung zu stabilisieren. Und auch wenn wir mit traumatisierten Menschen arbeiten und davon ausgehen, dass deren Erfahrungen zu Dissoziationen – und damit Identitätskonflikten – führen, scheinen spiegelnde Erzählungen hilfreich zu sein. Zahlreiche Mythen und Heldensagen geben Hinweise auf die Bedeutung solcher Spiegelerfahrungen. Die bereits erwähnten Autoren El Quassil und Karig schildern eine Schlüsselszene der Ilias, als Odysseus auf seiner Irrfahrt, traumatisiert und heimatlos, bei den Phäaken landet. Er wird Zeuge, wie ein fahrender Sänger seine Odyssee besingt. Eine bekannte Geschichte, und, wie Hannah Arendt bemerkt, eine entscheidende in der Identitätsfindung des Odysseus. Der Held beginnt zu weinen, wir können annehmen, erstmals öffentlich in seinem Leben. Diese emotionale Äußerung kann ein Hinweis darauf sein, dass er sich erstmals seiner Identität bewusst wird: So werde ich gesehen, so werde ich erzählt. Wer bin ich? Wie die italienische Philosophin Adriana Cavarero die Szene der Ilias kommentiert: ‚[V]on einem ›anderen erzählt‹, offenbarte die Geschichte schließlich seine eigene Identität.‘ Das bereits erwähnte menschliche Bedürfnis nach sozialem Eingebundensein korrespondiert wahrscheinlich mit einem anderen Grundbedürfnis: bedeutsam zu sein, d. h. gesehen zu werden, und Bedeutung zu gewinnen – durch eine solche Spiegelung die eigene Identität zu organisieren und damit Kontrolle über sich selbst zu gewinnen. ‚Zwischen Identität und Erzählung‘, schreibt Cavarero, ‚besteht ein enges Verhältnis des Begehrens‘ (alle Zitate aus El Quassi & Karig 2021, S. 89).
Wie sich unsere Identität durch erzählendes Spiegeln entwickelt, hat der Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz eindrücklich nachgezeichnet. Verbale und nonverbale Rückmeldungen machen aus uns Menschen soziale Wesen. Wir lernen nicht nur die Regeln unserer Kommunikation und unseres Zusammenseins, sondern wir erfahren vor allem die Entwicklung des Ich aus den Anderen. Und so wie Odysseus durch die Erzählung bewusst wird, dass er existiert, sehen wir durch die Spiegelungen der frühen Kindheit erstmals, dass wir ‚sind‘. ‚Die anderen kommen zuerst, das Selbst kommt danach‘ (Prinz: Das Selbst im Spiegel. Die soziale Konstruktion des Subjekts, 2013, S. 296). Auch wenn wir bei diesen Erfahrungen nicht unbedingt, wie der Held der Antike, in Tränen ausbrechen – intensiv berührt sein werden wir sicherlich. Auch dies mag die Wirkung guter Geschichten, wie auch der Märchen, erhöhen. Wenn sie für unsere Identität bedeutsam sind, wird deren Integration diese spezifischen Emotionen ansprechen. Dies betrifft – um noch einmal das ‚Wie‘ des Erzählens anzusprechen – im wechselseitigen Spiegeln den Erzähler wie den ‚Lauschenden‘. Für den Erzähler hat das Benjamin in seinen Betrachtungen zum Werk Michail Lesskows als wesentlich herausgestellt: „Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, dass ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selber zufällt. So also ist das Netz beschaffen, in das die Gabe zu erzählen gebettet ist.‘“
„Mir kommen die Tränen“, sagt mein Wein, und ich werde das Gefühl nicht los, als Erzähler noch ein wenig üben zu müssen. „Also erfahre ich meine Identität durch die Kommunikation in meinem Netzwerk. Aber gibt es dort nicht mehrere Erzähler und damit unterschiedliche Geschichten? Also doch: Wer bin ich und, wenn ja, wie viele? Ich will ja nicht unhöflich wirken, natürlich darfst du hier deine Philosophen loswerden. Aber kannst du auch kurze Geschichten?“
Mein Wein wird ungeduldig.
„Was wolltest du mir über den Rancio erzählen? Ich bin mal gespannt, wie du den Prozess menschlicher Identitätsfindung auf uns Weine übertragen willst …“
„Du weißt wahrscheinlich nicht, dass dieser Rancio seit zehn Jahren hier im Keller liegt, der Wein aber schon seit dreißig Jahren im Fass ist. Es ist der traditionelle Haustrunk der hiesigen Winzer, ein sonnenverwöhnter Wein, hochprozentig und kräftig. Es ist ein Wein, der lange um seine Identität gekämpft hat, weil die Produzenten der Gegend sich dazu entschlossen hatten, nicht ihn, sondern den Banyuls als Vin doux naturel und später den Collioure als Rotwein zur Appellation anzumelden. Und eine Appellation zu sein bedeutet: wahrgenommen, besprochen und etikettiert zu werden. In alter Tradition hatte jeder gestandene Winzer der Region sein Fass Rancio im Keller. Legendär sind die Geschichten, wenn einige Haupt- und Nebenerwerbswinzer ein bis zwei Flaschen mit auf den Weinberg nahmen, um das ebenfalls kräftige Mittagsmal nicht zu trocken zu gestalten. Und da das Fass in einem Jahr nicht vollständig geleert war, wurde im folgenden Jahr aus der aktuellen Ernte nachgefüllt – häufig war es so, dass etwas weniger als die Hälfte eines Jahrgangs getrunken wurde. Im Laufe der Zeit, so etwa nach fünf Jahren bekam der Wein einen besonderen Geschmack nach fenugrec, nach Bockshornklee. Weinliebhaber hatten diesen Geschmack schon bei alten Madeira-Weinen oder sehr altem Sherry wahrgenommen. Auch der vin jaune aus dem Jura, ein anderer Kultwein hatte ähnliche Anklänge. Der Wein bekam also Charakter, die einheimischen Winzer sprachen ihm zu und sprachen über ihn. Gute Bedingungen also, um Selbstbewusstsein zu entwickeln. Doch zurück zum Rancio in unserem Cave und einem anderen Identitätsaspekt: Ich stelle ihn den Besuchern immer als dreißig Jahre alten Wein vor. Aber nach den Regeln der Kunst wurde er ja jährlich ersetzt. Wann ist er ‚idem‘ und wann ist er ‚ipse‘? Es lässt sich ja leicht berechnen, wenn man nicht allzu homöopathisch veranlagt ist, wann der Wein vollständig ausgetauscht ist.“
„Der Arme!“, sagt mein Wein. „Was wird denn aus seiner Identität, wenn er noch nicht mal besprochen wird, um dann als Appellation anerkannt zu werden.“
„Ich kann dich beruhigen: Weil sich der Wein, auch aufgrund der vielen Erzählungen zum besonderen Geschmack, zum Geheimtipp in Szenerestaurants entwickelte – wo Küchenchefs und Sommeliers darüber diskutierten, ob er denn eher zu Anchois oder zu Blauschimmelkäse passe –, gründeten traditionsverhaftete Winzer eine Interessengemeinschaft, und während die oberste französische Weinbehörde aus verschiedenen Gründen eine Appellation verweigerte, nahm Slow Food den Rancio in ihre Arche erhaltenswerter Produkte auf. Es gab zunehmend Literatur über ihn, er wurde verkostet und besprochen, und nach einiger Zeit erhielt er auch von den Behörden die Berechtigung, als IGP seine eigene Identität weiterzuentwickeln. Wohlgemerkt: Die Erzählungen über das Besondere waren nicht einheitlich. Einige schwärmten über die Anklänge an alte spanische Süßweine, andere fanden den leichten Geschmack nach Ahornsirup dann doch etwas zu breit und aufdringlich. Wieder andere wussten zu berichten, dass man in alten römischen Amphoren ähnlich riechende Weine gefunden habe. Und auch die biochemische Grundlage dieser Geruchs- und Geschmackskomponente wurde bald gefunden: das Sotolon, reichlich vorhanden in Liebstöckel und Bockshornklee. Und als sich dann die deutschsprachigen Weinliebhaber daran erinnerten, dass man Liebstöckel ja auch als Maggikraut bezeichnet, gewannen die Kontroversen über die Genießbarkeit des altehrwürdigen Rancio noch einmal an Fahrt. Sicherlich hätte man in den Jahren nach 2013 einem Kölner Feinschmecker wohl kaum einen Rancio vorsetzen können, hatte er doch noch den Maggi-Geruch einer in Neuss-Allerheiligen ausgetretenen Sotolon-Wolke in der Nase, die tagelang über der Stadt schwebte und vom Kölner Stadtanzeiger als ‚Maggikalypse‘ bezeichnet wurde. Wahrscheinlich hätte man eher einen Münsteraner Altphilologen begeistern können, der in alten römischen Schriften entdeckte, dass die römischen Behörden vor 2000 Jahren die Winzer als Weinpanscher verurteilten, weil sie in täuschender Absicht dem Wein Bockshornklee zufügten, um den beliebten Geschmack künstlich zu verstärken. Man sieht also, der Rancio war in aller Munde, über ihn wurde erzählt, er wurde besprochen. Er erschien in seiner kohärenten Identität in den Fässern, die die Weinwelt bedeuteten. Er wurde gesehen, er machte sich einen Namen, er wurde als Persönlichkeit wahrgenommen. Er war wieder präsent.“
„Jetzt verstehe ich auch, warum es nicht nur für euch Menschen, sondern auch für uns Weine wichtig ist, gesehen, besprochen und damit erzählt zu werden. Und mich wundert auch nicht mehr, warum dieses Rancio-Fass seit einiger Zeit so ruhig und selbstbewusst – beinahe hätte ich gesagt: resilient gegenüber deinen Erzählungen – da liegt. Aber erzähl doch mal: Wie geht es denn nun mit uns weiter?“
„Mit uns? Meiner Identität als Coach im Weinberg dient es, wenn wir es zunächst einmal schaffen, einen passablen Collioure aus dir zu machen. Und wir sind auf dem Wege, uns ein Bio-Label zu erarbeiten. Auf dem Wege dahin wirst du wahrgenommen, du wirst probiert, und du wirst erzählt.“
„Du aber doch hoffentlich auch!“, sagt der Wein in empathischer Vorfreude.
„Und dann werden wir in unterschiedlichen Runden zu Weinproben einladen. Dir werden hoffentlich die Ohren klingeln. Es werden unterschiedliche Erzählungen sein. Aber ich sage dir, wenn du in zehn Jahren etikettiert und eventuell prämiert in der Flasche liegst, wirst du durch all die Erzählungen eine Identität, vergleichbar dem Rancio, entwickelt haben.“
„In Flaschen? Also nochmals: Wer bin ich dann und, wenn ja, wie viele?“
„Du wirst ein bestimmter Collioure des Jahrgangs 2022 sein, auch wenn die Alterungsprozesse in den einzelnen Flaschen und die Rückmeldungen darüber unterschiedlich ausfallen könnten.“
„Ich habe ein wenig Angst vor diesem Identitätsprozess …“
„Wir werden versuchen, diese Angst zu respektieren und in erwartungsvolle Neugier zu transformieren.“
„Fällt dir dazu eine Spiegel-Geschichte ein?“
„Ja, zum Beispiel Bernhard Trenkles Löwen-Geschichte.“
„Du meinst also, nicht nur im Weinberg und Cave, sondern auch beim Coaching hilft dir dieses Erzählen?“
„Die Fachliteratur ist voll von narrativen Strategien, allerdings ist mir bei unserer Unterhaltung deutlich geworden, dass wir noch mehr auf die Kunst des Erzählens, unabhängig von der inhaltlichen Passung der Geschichten, achten sollten. Wie müssen Inhalt und Form des Erzählens beschaffen sein, damit die genannten Spiegelprozesse begünstigt werden? Das Nacherzählen bekannter Geschichten, etwa von Milton Erickson, ist sicherlich wenig hilfreich. Aber wir können in der Beschäftigung mit großen Geschichtenerzählern Hinweise darauf bekommen, wie Erzählungen maßgeschneidert, d. h. auch in Ko-Konstruktion mit dem Klienten entwickelt und erzählt werden, damit sie die bei Odysseus beobachtete Resonanz ermöglichen. Und wer schon mal als Großvater mit seinen Enkelkindern in Kinderbücher eingetaucht ist, wird feststellen, dass es manchen dieser Geschichten, um solchermaßen wirken zu können, gut täte, mit mehr Erschauern und mit weniger pädagogischen Zeigefingern auszukommen. Im Übrigen: auch die größten Schurken der Weltgeschichte waren häufig begnadete Geschichtenerzähler, sonst wären sie nicht so erfolgreich gewesen. Jetzt spüre ich, wie mir vom vielen Reden der Mund trocken geworden ist.“
Mein Wein lächelt dankbar.
„Ich sollte dich mal wieder probieren, damit wir wieder bei uns sind. Was meinst du?“
„Dazu fällt mir eine Geschichte ein“, sagt mein Wein.
„Aber zuvor noch eine Ergänzung zu Loriot. Jetzt glaube ich verstanden zu haben, was der Mensch ist: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das in zehntausend Meter Höhe einen Rotwein trinken und dabei seiner Sitznachbarin erzählen kann, so habe er bisher seine Flugangst erfolgreich bekämpft.“
Assemblage
Methode einer Komposition von Materialien.
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