Multifamilientherapie

engl. multi(ple) family (group) therapy – MF(G)T, franz. thérapie f multifamiliale; Multifamilientherapie (MFT)/Multifamilienarbeit (MFA) bezeichnet ein Setting themenbezogener Familientherapie (Therapie) in einer Gruppe, an der sechs bis acht Familien mit Familienmitgliedern aus verschiedenen Generationen gleichzeitig teilnehmen.


MFT ist ein systemisches (System) Verfahren aus den frühen Jahren der Familientherapie. Es hat seinen Ursprung in Arbeiten von H. Peter Laqueur (Laqueur et al. 1964); deutsche Konzepte im Kontext von Psychiatrie und Psychotherapie, Jugendhilfe (Jugendliche; Helfen) und Schule wurden beeinflusst von Weiterentwicklungen am Londoner Marlborough Family Service (Asen et al. 1982) sowie am Londoner Maudsley Hospital im Bereich von Anorexia nervosa (Eisler et al. 2003) und der Dresdner Familientagesklinik (Technische Universität) bei Kindern mit Diagnosen wie Lern- und Verhaltensstörungen (Scholz et al. 2002) und bei Anorexia nervosa (Scholz et al. 2005).


Jegliches Verhalten und seine Bewertungen werden vielfältiger mit der Mehrzahl ihrer Alternativen. Diese individuell (Individuum) angewandte Vielstimmigkeit entsteht in der MFT im Zusammenhang mit dem Potenzial der Gruppe, die im Kontext einer alle verbindenden Thematik durch Multifamilientherapeuten/-arbeiter in ihrer Rolle als Moderatoren zu Kommunikation, Interaktion, Reflexion und (Selbst-)Erfahrung angeregt wird. In der MFT wirken verschiedene personelle Kontexte parallel: der Problem- / Symptomträger, seine Familie, andere Familien mit ähnlichen Symptomatiken, familienbezogene Bezugspersonen (Peers) wie auch Multifamilientherapeuten/-arbeiter. Jedes Familienmitglied erweitert seine Sichtweisen mit dem Blick auf andere Symptom-/Problemträger und ihre Familien zur Überprüfung der eigenen Wirklichkeitskonstruktion und konstruiert und integriert gleichzeitig verschiedene und neue Perspektiven. Mit der Beobachtung anderer Familien und ihrer Spiegelung in ihnen entdecken Familien problematische Interaktionen und – auch in Zusammenarbeit mit anderen Familien – neue Strategien, ohne dass eine therapeutische Erkenntnisförderung notwendig wird. Gleichzeitig stehen Familien nie kontinuierlich im alleinigen Fokus der Arbeit. MFT bietet Familien mit gering ausgeprägtem sozialem Netzwerk und vielen Überlastungsproblemen ein Maß an Unterstützung und Anregung, eigene Ressourcen zu erweitern, das ihnen weder Gruppentherapie für einzelne Familienmitglieder noch die systemische Einzelfamilientherapie bieten kann. Als außerordentlich sozialer, lebenswelt- (Lebenswelt) und gemeinschaftsorientierter Behandlungsansatz verzeichnet MFT evidenzbasierte (Evidenz) und mit randomisierten Studien nachgewiesene nachhaltige Wirksamkeit.


MFT kommt in Deutschland seit 15 Jahren in verschiedenen institutionellen Kontexten zur Anwendung. Die Therapiefrequenz reicht von täglich, wöchentlich, zweiwöchentlich bis monatlich mit zwei bis acht Stunden über einen Zeitraum von mehreren Wochen bis hin zu einem Jahr. Die Mitglieder der Gruppe, die teiloffen oder geschlossen sein kann, sind die Symptom-/Problemträger und ihre Familienangehörigen. MFT ist Verfahren und zugleich Kontext für systemische, multimodale therapeutische Arbeit. Die Multifamilienarbeiter/-therapeuten identifizieren und schaffen Rahmenbedingungen, in denen alle, seien das spezifische oder einzelne Gruppenmitglieder, Einzelne oder/und Familienmitglieder und sie selbst, ihre Perspektiven in Bezug auf selbst definierte/diagnostizierte Probleme und Beziehungen erweitern. Das erfordert vom MFT-Team hohe Achtsamkeit und viel Engagement; Zeitpläne und Übergänge von einer Aktivität zur anderen und von einem Kontext zum anderen sollen simultan gestaltet werden, damit alle ihre Rollen und Aufgaben innerhalb kurzer Zeit zugunsten multipler Standpunktwechsel ändern können. Die Multifamilienarbeiter/-therapeuten verstehen sich sinnbildlich als Katalysatoren und als Kontextleser, -schaffer und -manager. Viele der gängigen Techniken des systemischen Arbeitens sind anwendbar. Vor allem strukturelle Techniken, die im Hier und Jetzt auf intra- und interfamiliale Grenzstärkung und Autonomieförderung (Minuchin 1977) abzielen, lassen sich hier gut einsetzen. Zirkuläres Fragen (Selvini Palazzoli et al. 1981), psychodramatische Techniken (Moreno 1959; ) und reflektierendens Team (Reflektierendes Team) (Andersen 1996) bewähren sich ebenfalls in hier nahezu natürlichen Kontexten. MFT findet Anwendung beispielsweise bei Familien, deren Kinder Diagnosen wie Anorexia nervosa, ADHS, Asperger-Syndrom erhalten haben oder unter anderen Formen emotional-sozialer Störungen leiden, wie auch bei Familien mit Kindern mit Schul- und Lernschwierigkeiten (Schulverweigerung) oder mit körperbehinderten (Körper; Behinderung) oder chronisch somatisch erkrankten Kindern. Im Jugendhilfebereich stehen im Fokus Familien, in denen häusliche Gewalt (gegen Kinder), Kindesmisshandlung oder Kindesvernachlässigung vorkommen, und sogenannte Multiproblemfamilien (Asen u. Scholz 2008). Bei Familien mit erwachsenen Symptomträgern mit Krankheitsbildern wie Depression, Schizophrenie, anderen Psychosen und mit chronischen somatischen Erkrankungen wird MFT ebenfalls erfolgreich eingesetzt (McFarlane 2002). MFT mit Familien unterschiedlicher kultureller oder sozialer Herkunft hat über die Auseinandersetzung mit dem »anderen« das Potenzial, von allen Beteiligten als Bereicherung erlebt zu werden (Asen 2007). Für Systemiker, die als Multifamilienarbeiter/-therapeuten arbeiten, ergibt sich ein Paradigmenwechsel, da sie noch weniger in der Expertenrolle als in systemischer Einzeltherapie sind. Sie können sich auf das helfende Potenzial der anderen Familien verlassen. Auf diese Weise wird den Familien mehr Eigenverantwortung dafür übertragen, auch den therapeutischen Kontext mitzugestalten.


Verwendete Literatur


Andersen, Tom (1996): Das reflektierende Team. Dialoge und Dialoge über Dialoge. Dortmund (Modernes Lernen).


Asen, Eia (2007): Beispiele zur interkulturellen Therapie. Wege zum Menschen 59: 332–341.


Asen, Eia u. Michael Scholz (2008): Multi-Familientherapie in unterschiedlichen Kontexten. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 57: 362–380.


Asen, Eia, R. Stein, Ann Stevens, Brenda McHugh, J. Greenwood a. Alan Cooklin (1982): A day unit for families. Journal of Family Therapy 4: 345–358.


Eisler, Ivan, Daniel LeGrange a. Eia Asen (2003): Family treatments. In: Janet Treasure, Ulrike Schmidta, Eric van Furth (eds.): Handbook of eating disorders: Theory, treatment, and research. Chichester (Wiley).


Laqueur, H. Peter, H. A. La Burt a. Eugene Morong (1964): Multiple family therapy: Further developments. Current Psychiatric Therapies 4: 150–154.


McFarlane, William R. (2002): Multifamily groups in the treatment of severe psychiatric disorder. New York/London (Guilford).


Minuchin, Salvador (1977): Familie und Familientherapie. Freiburg i. Br. (Lambertus).


Moreno, Jacob Levy (1959): Gruppenpsychotherapie und Psychodrama. Stuttgart (Thieme).


Scholz, Michael, Eia Asen, Krassimir Gantchev, Beate Schell u. Ursula Süß (2002): Familientagesklinik in der Kinderpsychiatrie: Das Dresdner Modell – Konzept und erste Erfahrungen. Psychiatrische Praxis 29: 125–129.


Scholz, Michael, Maud Rix, Katja Scholz, Krassimir Gantchev u. Volker Thömke (2005): Multiple family therapy for anorexia nervosa: Concepts, experiences, and results. Journal of Family Therapy (27), 132–141.


Selvini Palazzoli, Mara, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin u. Giuliana Prata (1981): Hypothetisieren, Zirkularität, Neutralität. Familiendynamik 6: 123–139.


Weiterführende Literatur


Asen, Eia u. Michael Scholz (2012): Praxis der Multifamilientherapie. Heidelberg (Carl-Auer), 2., erw. u. vollst. überarb. Auflage.